Im August 2025 befragte Prof. Dr. Nils Andres 1.432 Personen in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und München. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum die Frequenz in den Innenstädten sinkt – und welche Ansätze es gibt, diesem Trend entgegenzuwirken.
Entdecken statt Erledigen
Innenstädte als „Gelegenheitsobjekt“ – was bedeutet das für spontane Käufe?
Unsere Studie zeigt eine strukturelle Verschiebung: Spontane Innenstadtbesuche sind seit 2019 um 48 Prozent zurückgegangen, gleichzeitig erfolgen heute 81 Prozent der Besuche geplant (vor Corona: 46 Prozent). Damit verändert sich nicht nur die Frequenz, sondern die psychologische Logik des Konsums. Spontane Käufe entstehen typischerweise aus beiläufiger Aufmerksamkeit, aus Zeitüberschuss und aus affektiven Resonanzmomenten – etwa einem Schaufenster, einem Duft, einer zufälligen Entdeckung oder einem kurzen sozialen Kontakt. Wenn der Innenstadtbesuch jedoch zum bewusst terminierten Projekt wird, verschiebt sich die Wahrnehmung: Der Besucher kommt mit klarer Zielstruktur, reduziert seine Offenheit für Umwege und bewertet seine Zeit stärker funktional.
Genau das sehen wir in den Daten: Die Ausgaben pro Besuch steigen um 41 Prozent, während der Monatsumsatz um 27 Prozent sinkt. Konsum wird gebündelt, nicht mehr gestreut. Tiefenpsychologisch bedeutet das, dass die Innenstadt ihre Funktion als „offenes Möglichkeitsfeld“ verliert und stärker als Erledigungsraum erlebt wird. Impulskäufe, die aus Exploration entstehen, werden durch zielgerichtete Kaufhandlungen ersetzt. Für den Handel hat das eine klare strategische Konsequenz: Umsatz entsteht nicht mehr automatisch durch Frequenz, sondern durch Aufenthaltsqualität und Resonanzchancen. Wer episodische Besucher erreichen will, muss Anlässe schaffen, warum ein geplanter Besuch länger dauert, emotional anschlussfähig wird und neue Aufmerksamkeitspunkte bietet.

Ohne solche Alltagskontakte und Verweilräume bleibt Konsum funktional – und damit begrenzt.
Wie beeinflusst Remote Work die Frequenz von Innenstadtbesuchen?
Remote Work wirkt in unserer Studie als der stärkste strukturelle Faktor für die Frequenzveränderung. Vollzeit-Remote-Arbeitende besuchen die Innenstadt im Schnitt nur 1,4-mal pro Monat, Hybridarbeitende 3,1-mal, Präsenzarbeitende 4,7-mal – ein hochsignifikanter Unterschied. Entscheidend ist dabei weniger die physische Distanz als der Verlust eines täglichen Bewegungsrituals. Der Arbeitsweg war nicht nur Transport, sondern ein stabiler Übergangsraum zwischen privatem und öffentlichem Selbst: Er strukturierte den Tag, erzeugte beiläufige Stadtkontakte und senkte die Schwelle für spontane Aufenthalte.
Fällt dieser Automatismus weg, muss jeder Innenstadtbesuch aktiv legitimiert werden. Tiefenpsychologisch verschiebt sich die Stadt vom „Default-Raum“ zum „Option-Raum“. Gleichzeitig hat sich das Zuhause während der Pandemie funktional aufgerüstet: Arbeit, Konsum und Unterhaltung sind dort verfügbar, planbar und kontrollierbar. Der Innenstadtbesuch steht damit in direkter Konkurrenz zu einem komfortablen Alternativraum. Die Folge ist eine klare Anlasslogik: weniger beiläufige Präsenz, weniger spontane Käufe, weniger zufällige soziale Resonanz. Strategisch bedeutet das, dass Städte und Handel neue Alltagsanlässe schaffen müssen – etwa Servicefunktionen, hybride Arbeitsorte oder wiederkehrende Routinen –, die den früheren Frequenzgenerator „Arbeitsweg“ funktional und psychologisch ersetzen.
Warum werden Barrieren wie Parkplatzsuche heute stärker wahrgenommen?
Barrieren sind nicht neu – neu ist, dass sie nicht mehr in Alltagsroutinen eingebettet sind. Früher „liefen“ Parkplatzsuche, Wegezeiten oder Umstiege nebenbei mit, weil der Innenstadtbesuch oft Teil eines ohnehin bestehenden Bewegungsmusters war. Heute fahren laut Studie 62 Prozent nur noch bei klarem Anlass in die Innenstadt, während die Aufenthaltsdauer um 36 Minuten gesunken ist. Wird der Besuch episodisch, steigt automatisch die Erwartung an Effizienz. Jede zusätzliche Friktion wird dann psychologisch als Kontrollverlust erlebt.
Das spiegelt sich in den Befunden: 54 Prozent meiden die Innenstadt wegen unkalkulierbarer Reize, 68 Prozent bevorzugen Lieferdienste. Tiefenpsychologisch hat sich die Referenz verschoben: Das Zuhause ist ein hochgradig steuerbarer Raum, die Innenstadt erscheint im Vergleich zeitlich und emotional „teuer“.
In diesem Kontext werden auch verkehrspolitische Veränderungen sensibler wahrgenommen. Maßnahmen wie die Reduktion von Parkraum oder neue Fahrradführungen sind aus Mobilitätssicht sinnvoll, erhöhen jedoch kurzfristig die wahrgenommene Komplexität des Zugangs. Entscheidend ist weniger die Maßnahme selbst als ihre Wirkung auf die Planbarkeit des Besuchs. Wenn Anfahrt unklar, Wegeführung unübersichtlich oder Übergänge zwischen Verkehrsträgern friktionsreich erscheinen, verstärkt das die episodische Logik zusätzlich. Strategisch bedeutet das:
Der Innenstadtzugang muss heute nicht nur nachhaltig, sondern vor allem einfach, berechenbar und mental entlastend sein.
Third Places
Welche Rolle spielen Third Places für die Bindung von Kundinnen und Kunden?
Third Places sind in unserer Studie ein zentraler Faktor für urbane Bindung, weil sie den Übergang zwischen Zweck und Aufenthalt ermöglichen. 71 Prozent der Befragten geben an, Cafés, Treffpunkte oder informelle Aufenthaltsorte deutlich seltener zu nutzen, gleichzeitig wird in den Interviews genau dieser Verlust an beiläufigen Begegnungen als spürbar beschrieben. Das ist ökonomisch relevant, weil solche Orte Aufenthaltsdauer verlängern und die Wahrscheinlichkeit für zusätzliche Käufe erhöhen.
Tiefenpsychologisch fungieren Third Places als soziale Übergangsräume: weder privat noch rein funktional, aber vertraut genug, um Verweilen zu erlauben. Genau dort entsteht Resonanz ohne unmittelbaren Kaufdruck und diese Resonanz ist die Grundlage für spätere Konsumentscheidungen. Wenn Third Places verschwinden oder durch austauschbare Kettenräume ersetzt werden, verliert die Innenstadt an Unverwechselbarkeit und emotionaler Anschlussfähigkeit.
Für den Handel bedeutet das: Umsatz entsteht nicht nur im Laden, sondern im Umfeld. Third Places sind deshalb kein Zusatzangebot, sondern Bindungsinfrastruktur, die entscheidet, ob ein Besuch kurz und funktional bleibt – oder länger dauert und wirtschaftlich wirksam wird.
Welche Strategien helfen Händlern, episodische Besuche in Umsatz umzuwandeln?
Unsere Daten zeigen eine deutliche Konsumverdichtung: +41 Prozent Ausgaben pro Besuch, aber −27 Prozent Monatsumsatz. Episodische Besucher sind also kaufbereit, aber nur innerhalb eines begrenzten Zeitfensters. Entscheidend ist daher, wie Händler dieses Zeitfenster nutzen und erweitern. Ein zentraler Hebel sind klare Anlassstrukturen – Kooperationen, Services oder kleine Eventformate –, weil 62 Prozent der Besuche heute zielgebunden erfolgen. Ebenso wichtig ist die Friktionsreduktion: Orientierung, Erreichbarkeit, Click-&-Collect oder schnelle Serviceprozesse erhöhen unmittelbar die Kaufwahrscheinlichkeit, da 54 Prozent Unkalkulierbarkeit vermeiden.
Ein zunehmend relevanter Ansatz ist zudem die räumliche und thematische Clusterung von Händlern. Wenn Angebote sinnvoll gebündelt sind – etwa nach Nutzungssituationen, Zielgruppen oder Erlebniswelten –, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Anlassbesuch mehrere Kaufkontakte erzeugt. Cluster verkürzen Suchkosten, erhöhen die Aufenthaltsdauer und erzeugen eine wahrgenommene Dichte, die für episodische Besucher entscheidend ist.
Der dritte Hebel bleibt die Verweillogik. Mit einer um 36 Minuten kürzeren Aufenthaltsdauer entscheidet oft nicht das Sortiment, sondern die Aufenthaltsqualität über zusätzlichen Umsatz. Händler, die Sitzmöglichkeiten, Beratung, Erlebnis- oder Serviceelemente integrieren, schaffen mikrosoziale Resonanzmomente, die Kaufentscheidungen emotional stabilisieren. Tiefenpsychologisch geht es darum, den Besuch vom reinen Erledigungsmodus zurück in einen Entdeckungsmodus zu verschieben – nur dann entstehen zusätzliche Kaufimpulse und nicht nur abgearbeitete Einkaufslisten.

