Eating Art

FoodReport

Ein Kapitel des aktuellen Food Reports von Hanni Rützler widmet sich der „Eating Art“ und beschreibt, wie Kunst und Design den Blick auf unser Essen verändern.

C/O Berlin präsentiert vom 8. Juni bis 7. September 2019 die Ausstellung Food for the Eyes. Die Geschichte des Essens in der Fotografie (co-berlin.org)

Die Auseinandersetzung von Künstlern und Designern mit Essen dreht sich längst nicht mehr nur um Food-Styling, schöne Arrangements auf dem Teller, sinnliche Werbe-Sujets oder ästhetische Wein-Etiketten. Künstler und Designer leisten immer wichtigere Beiträge zur Gestaltung und Veränderung der Lebensmittelproduktion und Esskultur. Dabei dient ihnen die Ästhetik als Kommunikationsmittel, mit dem sie auf Missstände aufmerksam machen und visuell beeindruckend Kritik üben. Bei aller Ernsthaftigkeit verliert die Verbindung von Food und Kunst, von Essen und Design nie die Leichtigkeit und das spielerische Element. Kunst provoziert und irritiert – Design sucht nach kreativen Lösungen und Visionen. Und dieses radikale Andersdenken eröffnet der Food- und Beverage-Branche neue Denk­räume, um unser Ernährungssystem zu innovieren.


Ist das Kunst oder kann man das essen?

Daniel Spoerri verwendete für seine berühmten Fallenbilder (franz. Tableaux pièges) Überreste von Mahlzeiten, fixierte sie mittels Leim und Konservierungsstoffen auf der Tischplatte, um eine dreidimensionale Momentaufnahme zu erschaffen. Es ist der Versuch, ein Stück Alltagswirklichkeit gleichsam einzufangen und damit im doppelten Wortsinn haltbar zu machen.
Die ästhetische Aufwertung der Speisen findet man aber bereits bei den Garnituren und Tafel-Inszenierungen der klassischen französischen Haute Cuisine des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Dass das Kochen selbst zur Kunst (erklärt) wird, ist aber erst ein Phänomen der Moderne: Beginnend mit der „Cucina Futurista“ von Filippo Tommaso Marinetti, über Peter Kubelkas „Kochen als Kunstgattung“ bis zu Ferran Adrià, dem ersten Koch, der bei der documenta in Kassel, der weltweit bedeutendsten Kunstausstellung, vertreten war. Oder Massimo Bottura und Ángel Léon, deren 3-Sterne-Konzeptküchen nicht nur kulinarisch, sondern auch künstlerisch begeistern.

Innovation braucht Irritation

Bei keinem dieser und vieler anderer „Künstlerköche“ ging und geht es bloß um die ästhetische Gestaltung oder um das kunstvolle Arrangement von Speisekomponenten, wie es heute selbst in der durchschnittlichen Gastronomie (über-)strapazierte Praxis ist. Sie suchen Meditation und Reflexion, Ästhetik und Kritik. Es geht nicht nur um Genuss, sondern auch um Botschaften oder – wie es Roger Buergel, der künstlerische Leiter der documenta 12, formulierte – um „Verstehensirritationen“, um „Erlebnisse der Andersheit“ (Merkur 2009).
Wie schon Spoerri gehen sie mit ihren Arbeiten auch der soziokulturellen Bedeutung des Essens und der Esskultur nach. Sie setzen sich intensiv mit den Hintergründen unseres Umgangs mit Nahrungsmitteln, mit Lebensmittelproduktion, Speisenzubereitung und -verwertung, also dem gesamten Lebenszyklus unserer Nahrung auseinander. Indem sie mit Essen experimentieren und Nahrungsmittel sinnlich wie optisch verändern, schaffen sie nicht nur ein Bewusstsein für Essgewohnheiten und kulinarische Konventionen, sondern stellen diese zugleich in Frage.
Die Gedanken der Künstler und Designer, aber auch der Künstlerköche, kreisen um ganz unterschiedliche Themen, etwa Überfluss und Hunger, soziale Hierarchien, gesellschaftliche Codes, individuelle Vorlieben und Abneigungen, moderne Ernährungslehren und Koch-Shows. Von Konsum- und Globalisierungskritik bis hin zu Fast Food und Gesundheitswahn – alles wird thematisiert.

Im Projekt Unseen Edible wird eine Zukunft entworfen, in der Flechten Teil unserer Nahrungskette sind. Sie bieten fast ebenso viele Nährstoffe wie Algen und Pilze (schwarzjulia.com)

Hochtechnologisiert stellte Filippo Tommaso Marinetti, in seinem Manifest der Cucina Futurista 1930 die Zukunft des Essens vor (emiliebaltz.com) (klasien.nl)

Und mit Essen spielt man doch

Die Frage, ob Kunst eine genuine Erkenntnismethode sein kann und damit ein wesentliches Puzzleteilchen im menschlichen Erkenntnisprozess, ist so alt wie die Kunst selbst. Und Design hat sich – insbesondere in Gestalt des Industrial und Social Design – von Anfang an als Gestaltungswissenschaft verstanden: Als Wissenschaft, die Methoden für kreatives Denken entwickelt, um Prozesse und Produkte sowie deren Anwendung zu verändern. Anders als die Kunst, deren Fokus auf Reflexion, ästhetische Erkenntnis, Provokation und Irritation gerichtet ist, soll Design – auch wenn die Abgrenzung zur Kunst nicht trennscharf zu ziehen ist – darüber hinaus auch kreative Lösungen zwischen Technik, Marketing und Kundennutzen entwickeln. Lösungen, die über die formale Ästhetik hinaus einen zusätzlichen Mehrwert und damit – für Unternehmen – auch einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bieten. Immer mehr Unternehmen realisieren, dass sie kreatives Denken und unkonventionelle Lösungen brauchen, um sinnvolle Innovationen zu generieren. Künstler, Social- und Industrial-Designer unterstützen sie dabei, geben Inspirationen, die neue technische Lösungen anstoßen oder weit darüber hinaus weisen.

Dabei geht es nicht bloß um ein neues Styling von Produkten und Verpackungen oder um die Gestaltung von Supermärkten und Restaurants. Es geht nicht um gemalte Stillleben oder instagramable Ess-Fotografie. Die Fragestellungen sind weit komplexer: Eat Artists und Food- Designer nutzen ihre spezifischen Fähigkeiten und ihr professionelles Know-how, um verschiedene Zukunftsszenarien zu denken. Sie versuchen – wie es Michael Eisenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, formuliert –, „das eigentlich nicht Darstellbare zu visualisieren und damit zur Diskussion zu stellen, anzuregen, aufzurütteln“ (Eisenhauer 2018).

All-Verantwortung meldet sich zunächst ästhetisch

Dass in unserer Esskultur und unserem Ernährungssystem vieles falsch läuft, war auch für Marije Vogelzang die zentrale Motivation, sich als Designerin seit 20 Jahren ausschließlich dem Thema Food zu widmen. Sie bezeichnet sich als Eating-Designerin; ein Begriff, den sie bewusst in Abgrenzung zu Food-Design verwendet, um den Wandel des Selbstverständnisses ihrer Profession vom „Product Maker“ zum „Concept Maker“ beziehungsweise „Design Thinker“ zum Ausdruck zu bringen. Mit dem „Dutch Institute of Food and Design“ hat sie zudem eine globale Plattform geschaffen, ein künstlerisch und wissenschaftlich orientiertes Laboratorium, in dem konzeptionelle und praktische Entwürfe für die Zukunft der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und -distribution sowie der Gastronomie entwickelt und präsentiert werden.
Eating-Designer überdenken unser Essverhalten, unsere Essrituale und unsere Lebensmittel. Sie fragen, wie wir nachhaltige Veränderungen voranbringen können – und entwerfen Gesamtkonzepte, die darauf antworten. Das Selbstverständnis der Designer beruht dabei auf der Tatsache, dass die Art und Weise, wie wir Lebensmittel erzeugen und verwenden, wie wir Lebensmittel servieren und erhalten, wie wir Essen konsumieren, teilen und entsorgen, historisch gewachsen ist. Kurz: dass auch Traditionen einmal „erfunden“ und „gestaltet“ wurden.

 

Hanni Rützlers Food Report erklärt die wichtigsten Trends, Entwicklungen und Zukunftsthemen für Food & Beverage. Mit Brancheninsights, Themenschwerpunkten und Best Practices aus aller Welt dient er Lebensmittelherstellern, Gastronomen und Lebensmittelhändlern als Grundlage für Zukunftsentscheidungen.  Food Report 2020 von Hanni Rützler, Wolfgang Reiter (ISBN 978-3-945647-60-8)

Die kalifornische Food- und Experience-Designerin Yunwen (Tutu) Tu setzt sich mit der Zukunft unseres Ernährungssystems und unserer Esskultur auseinander – von Produktinnovationen über Produktions- und Distributionsprozesse bis hin zum Konsum (tuyunwen.com)

Traditionen, so Marije Vogelzang, mögen alt sein, aber das heißt nicht, dass sie immer existiert haben. Und es heißt schon gar nicht, dass sie nicht auch wieder geändert werden können. Sie waren immer schon Gegenstand von Gestaltern, auch wenn „Gestalten“ lange Zeit keine eigenständige Profession war: Das Kochen mit Feuer ist eine Erfindung. Der Anbau von Lebensmitteln in landwirtschaftlichen Betrieben ist die Gestaltung der Natur. Die Verwendung eines Löffels zum Verzehr einer Suppe ist die Gestaltung der Kultur.
Zu einer eigenständigen Profession ist Design in der Food-Branche erst im Zuge der immer weiter zunehmenden Komplexität unseres Ernährungssystems geworden, einschließlich aller Probleme, die damit einhergehen. Um diese Probleme zu lösen, brauchen wir andere Werkzeuge, andere Regeln und neue Traditionen. Nach solchen zu forschen, sie zu gestalten und mit ihnen zu experimentieren ist die Aufgabe, der sich Food-Designer und Eating Artists stellen.
www.zukunftsinstitut.de

Zurück zur Übersicht "Themen & Trends"