Fortschritt –

natürlich!

Der Plastikflut ist schwer beizukommen. Deshalb sind recycelte und nachhaltige Küchen- und Einrichtungsaccessoires immer gefragter. Und manche Basisstoffe ungewöhnlich: Kaffeesatz, Weintrester, Pilzschwämme oder Ananasblätter.

Kunststoffe sind aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken. Was in der Neuzeit mit Naturmaterialien begann, die wie das geronnene Milchprotein Kasein zu Kunsthorn oder das Baumharz Kautschuk zu Gummi weiter verarbeitet wurden, verstärkte noch die Industrialisierung. Nach und nach haben synthetische, petrochemische und industriell produzierte Produkte im Alltagsleben die Oberhand gewonnen.
Nun setzt eine Umkehr ein: Die Erdöl- und Steinkohlevorräte gehen zur Neige, fossile Rohstoffe haben negative Klimaeffekte und der Plastikmüll gefährdet immer mehr Umwelt und Gesundheit. Zudem pflegen viele Unternehmen ein umweltgerechtes und nachhaltiges Bild – aus einem Selbstverständnis heraus oder aus mitunter werbewirksamen CSR-Gründen (Corporate Social Responsibility).

Schuhe 3.0: Nach natürlichem Ursprung und der Welle von Kunststoffimitaten sind nun Bestandteile aus Biomasse im Kommen – hier Sportschuhe von Rens aus Kaffeesatz (Foto: Rens Original)

In diesem Zusammenhang kommen immer mehr Produkte aus recycelten oder natürlichen Stoffen auf den Markt. Zuletzt haben sich US-Forscher des Berkeley Laboratoriums an einer neuen Kunststoffart versucht. Mit Erfolg: Polydiketoenamin läst sich im Gegensatz zum üblichen Plastik komplett und endlos wiederaufbereiten. „Die meisten Kunststoffe wurden nie für das Recycling hergestellt. Wir haben aber einen neuen Weg gefunden, Kunststoffe zusammenzustellen, die das Recycling aus molekularer Sicht berücksichtigen”, sagt Teamsprecher Peter Christensen zum Projekt, die Makrogröße der Polymere in Original-Monomere und ihre Additive aufzubrechen.

Echtes Recycling

Was PDK kann, kann Glas schon lange – nämlich immer wieder zu neuem Material geschmolzen zu werden. Ein Paradebeispiel sind die „Raami“-Trinkgläser von Littala und die eingebettete Umweltkampagne. „Littala ermutigt seine Kunden, nachhaltige Entscheidungen für eine bessere Zukunft zu treffen“, heißt es geschickt beim finnischen Hersteller. Wer will schon anders handeln? Die Glasserie besteht aus vollständig recyceltem Abfallglas und soll neben der Resteverwertung Energie und Ressourcen einsparen. Der Produzent spricht noch dazu von dem „Bestreben nach besserer Lebensweise und nachhaltigen Entscheidungen“ und „dem tiefen Respekt vor der Natur“.
Der Schweizer Messerhersteller Victorinox hat jüngst mit dem einheimischen Partner Nespresso zum vierten Mal ein besonderes Taschenmesser aufgelegt: Die Grundkomponenten des „Pioneer Nespresso India“ bestehen aus recyceltem Stahl und die grünen Aluminiumschalen aus aufbereiteten Nespresso-Kaffeekapseln, die über ein flächendeckendes Sammelsystem in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden.

Klein und aus Flachs: Studenten präsentieren mit „Noah“ das erste komplett recyclingfähige Auto (Foto: TU Eindhoven)

(Foto: TU Eindhoven)

Zellulose und PLA

Beide Produkte sind nur in einer limitierten Edition erhältlich. Das ist oftmals ein Instrument für Exklusivmarketing und kaufpsychologisch motivierte Verknappung, für einen Markttest oder auch ein Zeichen für eingeschränkte Kapazitäten. In den Massenmarkt haben es hingegen schon Produkte aus Zellulose oder Polymilchsäure geschafft, die allesamt aus den Zuckermolekülen von Pflanzen gewonnen werden. Zellulose stammt zumeist aus Holz, aber auch aus Stroh und anderen Pflanzenbestandteilen. Bei Zellulose haben sich die Verbraucher schon an diverse Produkte gewöhnt, die aus diesen Biomolekülen chemisch aufgeschlossen werden: Textilien aus Baumwolle, Leinen oder Ramon, Synthetikstoffe aus Viskose oder Modal, Jutetaschen, Bastbänder, Seile, Matten oder Dämmstoffe.
Ein aktuelles Beispiel ist das Autoprojekt „Noah“ an der Technischen Universität Eindhoven. Die niederländischen Studenten haben den Prototyp eines voll recyclingfähigen Wagens entwickelt, dessen Chassis, Karosserieteile und Innenraum überwiegend Sandwichbauteile aus Flachs und zuckerbasiertem Biokunststoff enthalten.
Auch der für seine einzigartig designten Kunststoffprodukte bekannte Hersteller Koziol setzt neuerdings organische Bestandteile im Rahmen seiner „Organic Collection“ ein. Diese Produkte sind für mobile Anlässe gedacht und umfassen To-go-Thermobecher, Trinkflaschen, Teller, Besteck, Schalen, Schüsseln, Lunch­box, Schneidbrett sowie Einkaufstaschen, Organizer, Pflanzentöpfe, Flaschenregale und Lampe. „Unsere Kollektion vereint alle Vorzüge des Kunststoffs mit den Eigenschaften natürlicher Zellulose: umweltfreundlich, nachhaltig, wiederverwendbar, lebensmittelecht, recycelbar und garantiert ohne Formaldehyd oder BPA“, heißt es beim hessischen Hersteller. Koziol betont neben der „Made-in-Germany“-Qualität noch den Materialmix aus Zellulose und thermoplastischem Kunststoff, der „im Gegensatz zu manchen sogenannten Biokunststoffen kein Compound“ sei, sondern „ein ökologisch wertvoller Werkstoff, der sich problemlos zu 100 Prozent recyceln“ ließe.

Die Materialeigenschaften der Festigkeit, Langlebigkeit, Hygienesicherheit und Spülmaschinenbeständigkeit gelten ebenso für PLA-Produkte (Polylactid). Die aus Mais, Zuckerrüben oder Getreide extrahierten und in Milchsäure umgewandelten PLA-Bausteine sind schon seit geraumer Zeit in Partygeschirr, Haushaltswaren oder Kosmetiktiegeln, aber auch als spezielle Beimischungen in Schuhen, Heimtextilien, Schreibgeräten oder 3D-Drucker-Basismaterialien.  

Kaffee und Trester

Kaffee ist ebenfalls ein immer populäreres Ausgangsprodukt – und das selbst für Hightech-Produkte. So scherzten Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Los Angeles darüber, dass der „Energiebooster“ auch ihren neu entwickelten Solarzellen auf die Sprünge helfen könnte. Und siehe da, es funktioniert: Die Zugabe von Koffein macht die Zellen aus dem Mineral Perowskit – die wesentlich einfacher und dünner als ihre Siliziumvettern herzustellen sind – durch die chemische Reaktion leistungsfähiger und stabiler.
Wissenschaftler der Hochschule Hannover arbeiten wiederum an einem Kunststoffgranulat, das aus Kaffeesatz und individuellen Zuschlagstoffen besteht. Die Brösel aus einer externen Instantkaffee-Produktion werden als Pellets im Spritzgussprozess zu Endprodukten weiter verarbeitet – etwa zu Linealen, Computermäusen oder Autoteilen. Die Forscher haben etliche Rezepturen an Bioplastik-Mischungen zusammengestellt. Die Dosis des Kaffeesatzes bestimmt auch Farbe und Glanz des Produktes. „Durch Beigabe von Naturfasern gibt es noch dazu einen schönen Faserlook. Manchmal sieht man auch die kleinen Kaffeepartikel. Dann merkt der Endkunde, was er in der Hand hält“, erklärt Ingenieurin Daniela Jahn den weiteren Reiz der geplanten Massenprodukte.

Recycelte Komponenten: Taschenmesser-Kooperation von Victorinox: Das „Pioneer Nespresso India“ hat Alugriffe aus recycelten Kaffeekapseln (Foto: Victorinox)

Unübersehbare Hinweise: Tasche des polnischen Herstellers Vegemoda aus „Pinatex“-Leder von Ananas Anam (Foto: Vegemoda)

Dagegen sind Endprodukte mit eigener Textur schon beim Berliner Start-up Kaffeeform als Artikel für die Kaffeenische erhältlich. Die schwarzbraunen, verschieden großen Tassen, Unterteller und Mitnahmebecher sind aus gebrauchtem Kaffeesatz und Biopolymer. Unter dem Motto „Der Kaffeekreislauf schließt sich“ stellt Kaffeeform heraus, dass die Tassen „besonders langlebig, und leicht“ seien und „mild nach Kaffee duften“ würden. Firmengründer Julian Lechner bietet seine Produkte auch Wiederverkäufern und Werbeartikelanbietern an.
Beim jungen finnischen Unternehmen Rens Original gehen die Ambitionen mit gleicher Motivation in eine andere Richtung: „Wie wir alle in der Zeit der schnelllebigen Mode leben, sind auch wir frustriert über die verrückte Menge an Abfall, die von der Modebranche produziert wird.“ Als innovative Alternative bieten die Gründer Sneaker aus einem Materialmix aus Kaffeesatz und recyceltem Plastik an und bewerben das verwendete Kaffeegarn zusätzlich mit den von Natur aus frischen, atmungsaktiven, geruchsabsorbierenden und antibakteriellen Merkmalen.
Auch Trester, das ist der Rest aus der Weinproduktion nach dem Auspressen der Trauben, lässt sich zu Interieur-Produkten verarbeiten, wie die junge Designerin Katharina Hölz beweist. Die Rheinland-Pfälzerin hat vier Kompositmaterialien entwickelt, um die bisher größtenteils „ungenutzte Biomasse in einen neuen Lebenszyklus einzuführen“. Sie kreiert aus den Traubenabfällen und natürlichen Bindemitteln wie Carnaubawachs oder Cellulose Weinkühler und Lampen unter der Marke „Tresta“.

Für eine bessere Zukunft: Trinkglas von Ittala eingebettet in Umweltkampagne: „Raami“ ist aus Altglas und limitiert erhältlich (Foto: Ittala)

Pilze und mehr

Noch außergewöhnlicher wirken Produkte aus Pilzkulturen. Diverse Projekte zeigen jedoch, dass es das Biomaterial der Zukunft sein könnte. Künstler und Naturwissenschaftler der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg experimentieren gemeinsam mit Platten aus Pilzschwämmen, die sich zu Möbeln weiterverarbeiten lassen. Dabei greift das Projekt „Grow“ auf ein Gärsubstrat aus Stroh, Kaffee und Getreide zurück.
Das ähnlich agierende US-Start-up Ecovative bietet bereits drei verschiedene Markengewebe für Industriepartner sowie ein Aufzuchtset für Privatleute an. Aus dem schaumartigen Material lassen sich zum Beispiel Arbeits- und Outdoor-Kleidung, Schuhe, Surfboards und Einrichtungsgegenstände produzieren. Hier verbindet sich Myzel, das Zellengeflecht von Pilzen, mit land- oder forstwirtschaftlichen Abfällen wie Maisstroh oder Holzschnitzeln zu einer flexiblen wie festen Masse.
Ecovative betont neben der Leichtigkeit, Widerstandsfähigkeit und hundertprozentigen Kompostierbarkeit des Materials sein Credo: „Unsere Mission ist es, bessere Materialien anzubauen, die mit der Erde kompatibel sind. In unserer ’Myzel’-Gießerei arbeiten wir mit Unternehmen zusammen, um alternative Fleischprodukte, biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien, tierfreies Leder und mehr herzustellen.“ Die gleichnamige Textur überzeugt renommierte Partner wie Gunlocke (Büro- und Sitzmöbel), Ikea (Produktverpackungen) oder die Designerinnen Stella McCarthy (Modeaccessoires) und Danielle Trofe (Lampenschirme, dekorative Pflanzenobjekte).

Mit Pilzgewebe: Bürostuhl vom US-Hersteller Gunlocke: Stoffpolster ist aus Mycel (Foto: Gunlocke)

Apropos „Pilzleder“: Es könnte zu einer gängigen Lederalternative werden. Beim Hersteller Muskin etwa ist es mit Hanf- oder Leinenfasern durchzogen, die seine Strapazierfähigkeit erhöhen. Als weitere Alternative ist schon eine Art Leder aus Ananas auf dem Markt. Beim Produktmaterial „Pinatex“ des englischen Unternehmens Ananas Anam werden Cellulose-Fasern aus übrig bleibenden Ananasblättern extrahiert. Sie prägen das markante Aussehen und robuste Material von Schuhen, Handtaschen, Jacken, Autobezügen, Rucksäcken oder Uhrarmbändern unter anderem der Hersteller H&M und Hugo Boss.

Wichtige Kritikpunkte

So innovativ, modern und reizvoll die Produkte aus Biomasse auch sind - zwei Punkte sind kritisch zu hinterfragen: Sollte zukünftig der Durchbruch im Massenmarkt gelingen, würde die Produktion von Biokunststoffen mit dem Anbau von Nahrungsmitteln konkurrieren. Außerdem haben Experimente britischer Forscher von der Universität von Plymouth mit Tüten aus biologisch abbaubaren Plastik gezeigt, dass sie zwar unter den Einfluss von Luft und Sonne stärker zerfallen, aber trotzdem länger halten als erwartet und von den Herstellern versprochen.
In diesem Kontext hält der Verbraucherzentrale Bundesverband den Begriff „Bio“ für irreführend: Diese „Agrokunststoffe“ würden in Kompostanlagen als Störstoffe aussortiert und wären zudem theoretisch nur von großtechnischen Anlagen unter hohen Temperaturen schnell zersetzbar, jedoch nicht im heimischen Kompost oder in der freien Natur. Genauso kritisch sieht das Bundesumweltamt das Verwenden dieser Kunststoffe und verweist darauf, dass sie nicht über die Biotonne entsorgt werden dürfen.
Arnd Westerdorf

Auf Polylactid-Basis: Biograde-Kosmetiktiegel vom Spezialisten FKuR Kunststoff aus dem niederrheinischen Willich (Foto: FKuR)

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