Tickende Zeitbombe

Plastic Fantastic?

Das ganze Ausmaß der Plastikflut wird immer deutlicher. Die Politik reglementiert diese stärker, und immer mehr Menschen fordern zurecht eine lebenswerte Zukunft ein. Dabei gibt es bei Verpackungsmaterial gute und innovative Alternativen.

Plastik-Problem: Dramatische Folgen der Wegwerfgesellschaft (Foto: Istockphoto.com/Andrii Zastrozhnov)

Kunststoffe aller Art bestimmen unsere Lebenswelt und finden sich in allen möglichen Produkten wieder. Plastik gilt als besonders flexibles und massentaugliches Material: Es ist leicht, bruchfest, elastisch, temperaturbeständig, hygienisch, lange haltbar, in individuellen Härten, Formen und Farben zu gestalten und relativ günstig herstellbar. Damit ist es insgesamt bequem zu handhaben.
Doch diese Vorteile und Freiheiten zeigen heute zusehends die Schattenseiten der entstandenen Wegwerfgesellschaft – und das im wahrsten Sinne des Wortes plastisch. Jüngste Fälle waren ein qualvoll vor den Philippinen verendeter Jungwal, dessen Magen mit 40 Kilogramm Plastikmüll vollgepfropft war, und eine vor der Südwestküste Englands angeschwemmte, über 50 Jahre gut erhaltene Plastikflasche. Solche Gesundheit und Umwelt gefährdende Plastikreste reichern sich durch verschiedene Einflüsse als Mikropartikel in Luft, Wasser und Boden und letztlich über Nahrungsaufnahme und Hautkontakt in Mensch und Tier ab.
„Plastik verrottet nicht. Es zerfällt nur in immer kleinere Teile. Plastikflaschen  zum Beispiel zersetzen sich erst nach Hunderten von Jahren; dasselbe gilt für verlorene Fischernetze aus Nylon und auch für am Strand zurückgelassenen Verpackungsmüll“, heißt es bei Greenpeace Deutschland. Es ist kein Geheimnis, dass zum Beispiel mehr als ein Drittel des bundesweit verbrauchten Kunststoffes für Verpackungen verwendet wird, und dass hier die Entsorgungspolitik der etablierten Parteien gescheitert ist.

Expertenstreit

Bei dem vor 28 Jahren eingeführten Dualen System mit dem „Grünen Punkt“, „Gelben Sack“ und der gelben „Wertstoff“-Tonne streiten sich die Experten noch über die tatsächliche Recyclingquote, die je nach Rechenbeispiel zwischen zwölf Prozent und 70 Prozent liegt. Das heißt in der Praxis: Ein großer Teil des Verpackungsmülls wird nicht weiter in neuen Produkten verwertet, sondern verbrannt.
Obwohl Deutschland laut Dr. Henning Wilts, Abteilungsleiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal-Institut für Klima, Energie und Umwelt, „eigentlich optimale Voraussetzungen bei der Abfallvermeidung“ bieten würde, sieht der Umweltforscher und „Cradle-to-Cradle“-Entwickler Prof. Dr. Michael Braungart die Bundesrepublik bei der Müllvermeidung und den Verpackungsinhaltsstoffen auf den alten Stand der Beratungen zum Dualen System zurückgeworfen: „Wir waren im Jahr 1990 weiter als heute; die Umweltdiskussionen wurden damals einfach viel grundsätzlicher geführt. Man führte den Grünen Punkt ein, um Verpackungen zu recyceln, und man wollte Giftiges aus dem Verkehr ziehen.“
Damit legen beide Experten ihre Finger in die Wunde: Das System scheint dazu geführt zu haben, dass sich Produkt- und Verpackungsanbieter nun erst recht unter den Vorwänden verstärkten Hygiene- und Transportschutzes austoben und die Bürger mit einem scheinbar guten Gewissen zugreifen. Mit zuletzt insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungsabfall und 220,5 Kilogramm Abfall für die Gelbe Tonne pro Kopf und Jahr hinterlassen die Deutschen nun den weitaus meisten Verpackungsmüll in Europa; das europäische Mittel lag bei etwas über 167 Kilo.

Umweltexperte und Nachhaltigkeits-Konzeptionist Michael Braungart: „Waren vor dreißig Jahren weiter als heute“ (Foto: LafargeHolcim Foundation) / Jungdesignerin Katharina Hölz: hat ein innovatives Kompositmaterial auf Basis von Traubenresten entwickelt (Foto: Tresta-Design/Katharina HölZ) / Dr. Henning Wilts, Experte für Kreislaufwirtschaft: „Eigentlich optimale Voraussetzungen bei der Abfallvermeidung“ (Foto: Wuppertal Institut/A. Riesenweber)

Runder Tisch zur Abfallvermeidung: Bundesumweltministerin Svenja Schulze: Reichen Verpackungsgesetz und Fünf-Punkte-Plan? (Foto: BMU/Sascha Hilgers)

Klassisch: Textilbeutel statt Obst- und Gemüse-Plastiktütchen (Foto: Original Unverpackt, Berlin)

Radikale Wende

Beim Verpackungsmüll ist es nun also an der Zeit für eine radikale Wende – das gilt vor allem für den Lebensmittelbereich. Ende Februar trafen sich Vertreter von Handel, Umwelt- und Verbraucherverbänden zum Runden Tisch bei Bundesumweltministerin Svenja Schulze und einigten sich auf einen Fünf-Punkte-Plan. Ziel ist mehr unverpackte und weniger überdimensionierte Ware, Mehrwegnetze statt dünner Plastiktütchen für Obst und Gemüse, ein schneller Verkaufsstopp für Einwegartikel wie Plastikgeschirr sowie das verstärkte Benutzen von mitgebrachten Mehrwegboxen an der Frischetheke, das auch noch Hygienestandards genügen muss.
Auch das seit Jahresbeginn 2019 gültige Verpackungsgesetz soll dafür sorgen, dass branchenübergreifend Hersteller mehr über ihren Verpackungsgrad nachdenken, die Größe und Anzahl des Materials reduzieren sowie über ein Register die Rücknahme und das Recycling ihrer Verpackungen verantworten (Trend&Style 04/2018). Der runde Tisch bei der Bundesregierung wie auch Umweltexperte Michael Braungart warnen vor Alibi-Aktionen, damit nicht auch noch Lebensmittel durch eine unzureichende Haltbarkeit verschwendet werden.
„Verpackung ist ein Kulturgut. Wir müssten sie viel mehr feiern“, so Braungart, der mit ’Cradle-to-Cradle’ („Von der Wiege zur Wiege“) ein nachhaltiges Konzept mit zertifizierten Produkten anbietet. Nach dem Vorbild der Natur wird hier schon in biologischen und technischen Verwertungskreisläufen gedacht, sodass erst gar kein Müll und umweltschädliche Rückstände entstehen. Ähnlich einem Baum, der unzählige Blüten und Blätter ohne Umweltbelastung hervorbringt, die dann zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Erdreich vergehen, sollen auch Produkte nach dem Gebrauch sinnvoll verwertbar oder kompostierbar sein.

Wirkungsvoll: Verpackung aus Trester (Foto: Tresta-Design/Katharina HölZ)

Biomasse

Apropos Natur pur: Während die Supermarktketten Edeka und Rewe bereits mit dem „Smart Branding“ gelasertes Obst und Gemüse ohne jegliche Verpackung anbieten, testet auch Mitbewerber Tegut Mehrwegsysteme an der Theke und experimentiert Discounter Aldi mit Schalen aus Graspapier und Zuckerrohr. Unabhängig davon hat die ehemalige Designstudentin Katharina Hölz für ihren Master-Abschluss eine innovative Idee mit Produkten aus Biomasse verwirklicht. Die in der Moselregion um Trier groß gewordene Designerin nutzt Trester zum Herstellen organischer Produkte. Trester bezeichnet die gepressten Fruchtschalen, Kerne, Stiele und Blattreste der Weinreben, die bei den Winzern nach dem Keltern des Weines als Abfall übrig bleiben.
Katharina Hölz hat für ihre Abschlussarbeit recherchiert, dass hierzulande jedes Jahr 200.000 Tonnen Trester anfallen, und aus den Traubenabfällen zusammen mit natürlichen Bindemitteln eine Reihe von Kompositprodukten unter dem Namen Tresta kreiert. Die junge Designerin stellt daraus Weinkühler, Lampen, Wandkacheln und auch Verpackungen für Kellnermesser in ihrer kleinen Manufaktur her. „Das Thema Verpackungen ruht derzeit. Auch deshalb, weil sich bisher kein Interessent beziehungsweise Hersteller gefunden hat“, bedauert Katharina Hölz gegenüber Trend&Style.
Wie unser Magazin bereits öfters berichtet hat, entwickeln Experten in aller Welt immer mehr Produkte aus Biokunststoffen. So entstehen zum Beispiel Produkte aus Polymilchsäure oder Polylactid (PLA) aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Zuckerrohr. Einen anderen kreativen Weg schlagen der niederländische Hersteller Vepa und die Umweltorganisation Plastic Wahle in einer Kooperation ein. Dabei wird das aus den Amsterdamer Grachten herausgefischte Plastikmaterial zu Designbooten weiter verarbeitet. Zudem lassen sich aus der Masse von PET-Flaschen (Polyethylenterephthalat) über die Zwischenverarbeitung zu Filz und Schaum bürotaugliche Möbel herstellen.

Natur pur: Leicht gelaserte Oberflächen frischer Lebensmittel (Foto: Rewe)

Unverpackte Ware: Lebensmittel, Kosmetika und mehr zum Abfüllen oder Mitnehmen (Foto: Original Unverpackt, Berlin)

Kapseln und Co.

Im Verpackungsbereich zeigen etablierte Angebote in einzelnen Bereichen, was möglich ist. Beim beliebten Kaffeekonsum etwa nimmt der Verbrauch von Kapseln dermaßen zu, dass auch hier Lösungen notwendig waren. Statt der üblichen Aluminiumkapseln sind nun auch Alternativen aus kompostierbaren Zellulose- oder Papierfasern oder – noch besser – wiederbefüllbare Mehrwegkapseln erhältlich. Diese neuartigen Kapseln und Mehrwegsysteme sind künftig auch bei anderen Dingen des Alltagsbedarfs auf den spanischen Balearen vorgeschrieben. Damit soll auf den beliebten Ferieninseln Mallorca, Ibiza und Menorca die Plastikflut wirkungsvoll eingedämmt werden.
Beim stationären Handel in Deutschland gewinnen auch die Unverpackt-Läden an Popularität. Hier erwerben die Kunden Behälter und Netze oder bringen zumeist ihre Verpackungen von Zuhause mit. Sind diese abgewogen, können die einzelnen Lebensmittel oder Kosmetika abgefüllt werden. Vorreiter dieser Idee ist der „Original Unverpackt Supermarkt“ von Milena Glimbovski in Berlin, die vor fünf Jahren ihren „Traum vom plastikfreien und unverpackten Einkaufen“ verwirklichte und ihre Geschäftsidee auf einen Onlineshop ausgeweitet hat. Handelsexperten sehen das Konzept weniger für die Masse an Konsumenten geeignet, sondern eher für Kunden, die gerne Zeit und Geld für diesen Aufwand mitbringen.

Alternativlösungen nötig: Übliche Kaffeekapseln sorgen für jede Menge Müll (Foto: Andrés Nieto Porras/ wikimedia.org unter CC BY-SA 2.0)


Versandboxen

Auch im Onlinehandel geht es bei Verpackungen ans Eingemachte. Der bayrische Versandhändler Memo, der sich schon lange auf ökologische und nachhaltige Produkte spezialisiert, legt seinen Privat- und Gewerbekunden die „Memobox“ nahe. Auf Wunsch kommen die bestellten Artikel in der unterschiedlich großen Box aus Recyclingkunststoff, die dann von den Kunden entweder gratis zurückgeschickt oder gegen Entgelt für eigene Zwecke genutzt wird. „Damit ersparen wir unserer Umwelt die Produktion und Entsorgung vieler hunderttausender Versandkartons. Die stabilen Behälter sind nahezu unverwüstlich: Durch ihre fast unbegrenzte Lebensdauer sind die ‚Memo Boxen‘ sehr gut für die vielfache Wiederverwendung im Kreislaufsystem geeignet“, heißt es beim Anbieter. Memo weist dazu auf den „perfekten Schutz der Ware vor Nässe und Beschädigung“ und – dank Sicherheitsplomben- vor Diebstahl hin.
Ähnlich funktioniert es beim finnischen Logistikspezialisten Repack, der seine Mehrwegverpackung aus recyceltem Polypropylen auch in Deutschland Web­shop-Partnern anbietet. Die Endkunden falten die leere RePack-Verpackung einfach auf Briefformat zusammen und werfen diese in jedem Briefkasten dieser Welt gratis ein. Der Dienstleister bereitet die bis zu 20 Mal wiederverwendbare Verpackung auf, reinigt sie und stellt sie dann wieder für den Versand bereit.
Der Reiz ist bei solchen Angeboten neben der guten Sache für Mensch, Tier und Natur das Einsparen von jeder Menge Verpackungen und noch dazu von Treibhausemissionen.
Arnd Westerdorf

Memobox: Nach Warenerhalt lässt sich die Box gratis zurückschicken (Foto: Memo AG)

Repack: Die Verpackungspost wird wiederverwendet (Foto: Repack)

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