Superfood

Alles super, oder ?!

Sie kommen zum Teil aus fernen Ländern und scheinen wundersame Kräfte zu haben. Superfoods sind seit einiger Zeit in aller Munde. Das scheint nicht schlecht, doch was steckt wirklich dahinter? Wir wagen eine Annäherung.

Quinoa ist ein glutenfreies Pseudogetreide aus Südamerika (Foto: By Maurice Chédel (Maurice Chédel) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Ganz ehrlich: Hätten Sie vor einigen Jahren gewusst, dass es sich bei Chia, Acai, Goji, Camu-Camu, Moringa oder Quinoa nicht um neue Automodelle, sondern um wiederentdeckte Nahrungsmittel handelt? Ich nicht. Es ist daher umso verwunderlicher, mit welchem Tempo diese Exoten unsere Aufmerksamkeit und die Regalmeter im Handel okkupieren. Spätestens seitdem der vegane Vorzeigekoch Attila Hildmann in seinem Buch „Vegan for fit“ gezeigt hat, wie stark Ernährung und Körperbwusstsein in Zusammenhang stehen, ist klar geworden, welche Rolle die Auswahl der richtigen Nahrungsmittel und deren Zubereitung in Zukunft spielen werden. Vorbei sind die Zeiten von ungesundem Fast Food – es lebe das Besondere! Von diesem Boom profitiert nicht zuletzt der Handel. Neben ausgefallenen Zutaten bedarf es der richtige Küchenwerkzeuge, um Food-Trends folgen zu können. So zog der Hype nach grünen Smoothies einen wahrer Run nach Mixern nach sich, deren Technik nicht ausgefeilt genug sein konnte. Essen wird – wie Hanni Rützler in ihrem Food Report betont – zum neuen Lifestyle. Es ist „in“ hochwertig und ausgefallen zu essen. Normalität ist out. „Die verschiedenen Ernährungsformen sind Resultat des Überflusses“, ist sich dabei Christoph Klotter, Professor für Gesundheitspsychologie und Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda sicher. Gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger erläuterte er: „Überspitzt gesagt: Die Lebensmittelindustrie beschert uns den Vegetarismus und Veganismus.

Derzeit hat man zwischen 170.000 Lebensmittelprodukten die Wahl. Vor 200 Jahren haben die meisten Deutschen tagein, taugaus das Gleiche gegessen: Kohlenhydrate, ein bisschen Gemüse und wenn es ihnen gut ging, ein Stück Fleisch. Da gab es keine Auswahl. Man hatte Angst, zu verhungern oder zumindest zu wenig zum Essen zu haben. Die moderne Askese ist eine Gegensteuerung zum Überfluss.“ Heute folgt man aktuellen Ernährungstrends. Dabei ist noch recht wenig erforscht, was am Ende das Tages wirklich gut für den Körper ist. Die Nutrigenomforschung widmet sich beispielsweise Nahrungsmitteln, die sich zur medizinischen Prävention und Behandlung einsetzten lassen. Dabei spielt der Stoffwechsel des einzelnen Menschen und eine darauf abgestimmte, personalisierte Ernährung eine tragende Rolle. Dieses sogenannte „Functional Food“ ist heute schon in aller Munde, aber oft falsch und wenig wissenschaftich basiert im Einsatz. Nicht jede Superbeere oder Powerwurzel hält, was sie verspricht.
Blickt man etwas hinter die Kulissen, dann wird klar, mit welchen Mitteln hier teilweise Erfolgsgeschichte geschrieben wird.

Von Beeren und Samen

Es war einmal eine südamerikanische Kohlpalme, deren Früchte unter dem wohlklingenden Namen „Acai“ im Amazonasgebiet als Nahrungsmittel genutzt wurden. Seit 2005 macht diese kleine, dunkelblaue Beere als Superfood in den USA und Europa große Karriere. Ihr werden ein hoher Gehalt an Antioxidantien, Vitaminen und Mineralstoffen bescheinigt, wobei gerne vergessen wird, dass die exotische Beere auch viel Fett enthält. Schaut man allerdings etwas genauer hin, so können es schwarze Heidelbeeren, Sauerkirchen, Johannisbeeren, rote Trauben und Holunder locker mit der Acai Beere aufnehmen. Der Vorteil, unsere Früchte gibt es frisch und nicht getrocknet.
Ähnlich verhält es sich mit der Goji Beere, die in China gegen Blutdruck eingenommen wird und deren Pestizidwerte oft weit über unserem heimischen Obst liegen. Leider ist auf den Hinweis „bio“ oder „wild“ beziehungsweise „unbehandelt“ kein Verlass, stellte das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart fest. Auch Chia Samen, aus der Gattung der Salbei-Pflanzen sind inzwischen in fast jedem gut sortierten Regal zu finden. Kultiviert wird die einjährige krautige Pflanze, die der Legende nach schon von den Azteken verwendet wurde, in einigen Ländern Südamerikas und in Australien. Chia-Samen gelten laut europäischer Lebensmittelverordnung als Novel Food (neuartiges Lebensmittel). 2009 war es erstmals erlaubt, die Samen in Backwaren zu verwenden, aber erst 2013 stimmte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einem Import der reinen Chia-Samen als Lebensmittel zu. Sie haben einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren, Proteinen, Antioxidantien sowie Mineralstoffen und quellen in Verbindung mit Wasser zu einer geleeartigen Masse auf. Ernährungswissenschaftler sind sich jedoch einig, dass der gute alte Leinsamen ähnliche Qualitäten und eine wesentlich kürzere Anreise vorzuweisen hat.

Der mexikanische Chia (Salvia hispanica) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Salbei (Salvia), die ursprünglich hauptsächlich in Mexiko vorkommt (Foto: von Dick Culbert from Gibsons, B.C., Canada (Salvia hispanica) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)

Chinesische Medizin - Die Beeren des gemeinen Bocksdorn werden im englischsprachigen Raum und inzwischen auch bei uns „Goji“ genannt (Foto: von Sten Porse (Self-published work by Sten Porse) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) oder CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons)

Dass nicht nur die weiten Wege und die notwendige Konservierung zu einem Problem werden kann, zeigt der Fall Quinoa. Dieses senfkörnergroße, glutenfreie Pseudogetreide wird schon seit rund 6.000 Jahren in Südamerika angebaut. Quinoa wächst auch auf den Hochebenen der Anden auf rund 4.000 Metern über dem Meerespiegel, wo es für die Menschen unentbehrlich ist, da keine Ersatzpflanzen in dieser Höhe gedeihen können. Wegen der hohen Eiweißwerte und einzigartigen Aminosäurestruktur wurde die Nasa 1993 auf Quinoa aufmerksam, da es sich hervorragend für Raumstationen oder Kolonien eigenen würde. Die kontinuierlich steigende Nachfrage nach Quinoa führte schließlich zu einem erhöhten Weltmarktpreis, besseren Einnahmen für die Bauern aber auch zu einer Preiserhöhung bei den Einwohnern von Bolivien und Peru. Diese konnten sich im Zuge dieser Entwicklungen Quinoa nicht mehr leisten und mussten auf andere, billigere Lebensmittel ausweichen. So hat jede Entwicklung auch ihre Kehrseite! Was hat es nun aber mit den angeblich so wertvollen Inhaltsstoffen der Superfoods auf sich? Aus ernährungsphysiologischer Sicht stehen viele der hierzulande traditionellen Lebensmittel sogenannten Superfoods in nichts nach. Und grundsätzlich macht unter realen Bedingungen nicht der Verzehr eines bestimmten Lebensmittels eine gesundheitsfördernde Ernährung aus, sondern ein abwechslungsreicher Speiseplan. Ein stark gesüßtes oder auch sonst nicht wirklich vollwertiges Lebensmittel wird auch mit einer Portion von Superbeeren nicht wertvoller.
Auch wenn die Wirkung der exotischen Superfoods in vielen Fällen noch nicht endgültig erforscht ist, hat man bereits festgestellt, dass gewisse Nahrungsmittelbestandteile in zu hoher Konzentration oder in Wechselwirkung mit manchen Medikamenten kontraproduktiv wirken können. Das heißt nicht, dass nicht einige der neuen Superfoods durchaus ihre Berechtigung haben. Es werden immer wieder neue Pflanzen mit besonderen Eigenschaften entdeckt. Spannend ist beispielsweise die hier noch recht unbekannte Yacon. Ihre Wurzelknollen und Blätter werden in der Andenregion seit Jahrhunderten als Nahrung und Medizin genutzt. Yacon ist eine reichhaltige, natürliche Quelle für biofunktionelle Inhaltsstoffe und hat das Potenzial zum Süßungsmittel mit relativ geringem Energiegehalt. Es bleibt abzuwarten, ob Yacon hält, was es verspricht.
Dass man aber selbst bei althergebrachten Inhaltsstoffen einem Mythos vertraut, zeigte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die kürzlich darauf hinwies, dass es wissenschaftlich nicht zu beweisen sei, dass die Einnahme von Vitamin C Präparaten in hoher Dosierung, bei Erkältungen vorbeugen oder heilen kann.
Was lernen wir daraus? Mit einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung mit viel heimischen Produkten ist man auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Das schont nicht nur unseren Körper, sondern auch die Umwelt!

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