ZWEI MAGAZINE - EINE WELT

Küchenwerkstatt

Zurück zu den Wurzeln

Eigentlich ist die Küche ein Arbeitsbereich, der aber immer mehr zum Treffpunkt und gemütlichen Zentrum von Wohnungen wird. Da ist es auch kein Gegensatz, wenn der Trend nun wieder in Richtung „Küchenwerkstatt“ geht.

Kontrastive Kombination von Onyschwarz und Lärchenholz (Foto: Schüller Möbelwerk KG)

Von vorindustrieller Zeit bis heute sind Werkstätten die Orte, in denen handwerkliche oder kunsthandwerkliche Güter produziert werden“, heißt es im entsprechenden Eintrag von Wikipedia. Die deutsche Ausgabe des Online-Lexikons verweist dabei noch auf die „Manufaktur“, die sich sprachlich vom Begriff des „händischen Herstellens“ aus dem Lateinischen ableitet.
Fleißige Hände entnehmen die Zutaten, wiegen sie ab, geben dazu, mischen, kneten, trennen, rollen, wickeln ein, schneiden, hacken, klopfen, entnehmen, servieren, dekorieren und machen noch manches mehr. Und weil alles seine Ordnung haben sollte, werden die Küchenwerkzeuge und das Kochgeschirr offen abgelegt oder in Schubladen oder Schränken verstaut. In diesem Punkt unterscheidet sich eine Küchenwerkstatt, wie sie langsam wieder aufkommt, von vielen herkömmlichen Kücheneinrichtungen.
Der Charakter der Küchenwerkstatt ist eindeutig gewerblich geprägt. Während meist viele Schreinereien oder Manufakturen ihre individuelle Handwerksarbeit oder kleinen Stückzahlen an Küchen unter diesem Oberbegriff im Firmennamen vermarkten, bieten Kücheneinrichter oder Hersteller vermehrt Küchen mit Werkstattcharakter an. Aber auch gastronomische Betriebe setzen auf den Charme solcher Einrichtungen. Diese Form von Küchenwerkstätten setzt zumeist auf natürlich und warm wirkende Materialien wie Holz oder Kupfer (siehe Bericht „Kupfer&Co. in KitchenTrend 01/2018), bietet aber auch modern wirkende Komponenten mit Edelstahlkomponenten.

Goldene Handwerksregel

Der Küchenhersteller Bulthaup etwa bringt auf den Punkt, welche Vorteile eine Produktlinie mit Werkstattcharakter hat: „Die bulthaup b2 ist inspiriert von der goldenen Handwerksregel, Ordnung, Übersicht und Griffbereitschaft von Werkzeug und Material’.“ Das gilt nicht nur für Handwerker aus traditionellen Berufen, sondern natürlich auch für Köche.
In diesem Zusammenhang spricht das niederbayrische Unternehmen von „großer Bewegungsfreiheit und einem einzigartigen Ordnungsprinzip“ sowie von der „Reduktion auf drei skulpturale Elemente“: Die Werkbank als Feuer-, Wasser- und Zubereitungsstelle, der Werkschrank für Geschirr, Kochwerkzeug, Gewürze und Lebensmittel sowie ein Schrank zum Unterbringen der elektrischen Geräte. Losgelöst von statischen Wänden seien diese zeitlosen Objekte frei im Raum kombinierbar, und die Flexibilität und Beweglichkeit der Elemente erlaube auch die Anpassung an neue räumliche Gegebenheiten, heißt es weiter bei Bulthaup.
Die Produktlinie b2 bietet verschiedene Varianten. So ähnelt der Arbeitstisch einer einfachen, offenen Werkbank mit vier leicht abgeschrägten Beinen und hat ein Esstisch-Pendant. Der Arbeitstisch kann mit anderen Arbeitsflächen, Kochmodulen und Spülbecken eingefasst werden. In die Funktionsfuge der seitlichen Spannbacken lassen sich Küchenwerkzeuge einhängen, und unterhalb der Werkbank mittelhohe Abfalleimer positionieren. Über der Werkbank hängt von der Decke ein Dunstabzug mit Flügellamellen und integrierter Leuchte.
Dazu gesellt sich der aufklappbare Küchenschrank mit Koffertüren, der wahlweise noch um einen Aluminiumrahmen und andere Elemente zum Bestücken mit Gewürzdosen, Lebensmittelschütten und einem Fach zum Aufbewahren von Essig und Öl erweitert werden kann. Beim Öffnen ist der gesamte Inhalt der Küche sofort sichtbar und sind die Küchenutensilien in Griffweite. Zudem sollte hier alles am dafür vorgesehenen Platz sein. Damit konkretisiert der Küchenhersteller, was er mit Ordnungsprinzip meint: „Der Stauraum ist auf das Wesentliche komprimiert. Sie verfügen über Stauraum für alles, was Sie in der Küche an Lebensmitteln und Utensilien brauchen, aber für nichts Unnötiges darüber hinaus.“
Im Geräteschrank wiederum sind Backofen, Kühlschrank und Geschirrspüler untergebracht. Laut Bulthaup entsteht durch die Struktur und Ordnung „ein wertiger Gesamteindruck – innen wie außen.“ Dafür sorgen auch Materialien wie Edelstahl, Granit, Eichen- und Nussbaumholz. Konzipiert hat die Küchenlinie übrigens das österreichische Designertrio Eoos.

Produktlinie mit Werkschrank (hinten), Werkbank (vorne), Elektroschrank (seitlich) und Abzugshaube mit Arbeitsleuchte (oben) (Foto: Bulthaup GmbH & Co KG)

Work‘s von Eggersmann: Miteinander kombinierbare Programmelemente im technisch anmutenden Design (Foto: Eggersmann Küchen GmbH & Co.KG)

Kurze Wege, perfekte Übersicht

Während der Herstellerpartner im preislich gehobenen Bereich agiert und seine Produktlösungen elegant vermarktet, zeigt ein Mitbewerber, der nach eigenen Angaben ebenfalls „anspruchsvolle Küchensysteme für Menschen mit gehobenem Anspruch fertigt“, mit seinem Programmnamen direkt, was Sache ist: Die Küchenmanufaktur Eggersmann rückt bei ihrem work’s-Konzept neben Ästhetik und Design ausdrücklich die Funktionalität in den Fokus. „Kurze Wege, perfekte Anordnung, Zugriff, Struktur, Übersicht ähnlich einer Profiküche wird mit work‘s das ‚handwerkliche’ Kochen kultiviert“, betont der ostwestfälische Hersteller.
Bei seiner Produktreihe dient eine Traverse aus schwarz gepulvertem Aluminium oberhalb der Arbeitsblöcke als charakteristischer wie ungewöhnlicher Blickfang. An der Metallaufhängung lässt sich über bewegliche Ablage- oder Hängemodule das Kochgeschirr und Küchenwerkzeug verankern. Eine Arbeitsplatte aus Eiche am mittleren Küchenblock, eine Edelstahl-Absaugvorrichtung, ein Lichtschrank, der das Tafelgeschirr illuminiert und innenbeleuchtete Drehschränke runden das funktionale Equipment ab. Akzente setzen auch Details wie zum Beispiel das seitlich verschiebbare und minimalistisch abgeschirmte Steckdosenmodul.
Eggersmann zieht bei seinem „technischen anmutenden Design“ mit verschiedenen miteinander kombinierbaren Programmelementen auch die Verbindung zum derzeit beliebten „Industrial Design“. Im modernen Schick präsentiert sich auch die Premiummarke next125 i vom Schüller Möbelwerk. Der fränkische Hersteller spricht von der Idee „die Küche als Ganzes zu gestalten“ und „diesen Raum mit dem Anspruch eines durchgängigen Einrichtungskonzepts“ zu definieren.
Dabei setzen eine komplett in Onyxschwarz gehaltene Kücheneinrichtung, filigrane Frame Rack-Regalsysteme oder die Sideboard-Serie Akzente. Zudem kommt es zum kontrastreichen Zusammenspiel mit warmen Holzelementen, in dem zum Beispiel der next125 Kochtisch mit geräuchertem (!) und gebürstetem Lärchenholz kombiniert wird. Das Material ist mit dem High-Tech Schichtstoff Fenix beschichtet, das laut Hersteller „eine samtig-warme Haptik mit praktischen Anti-Fingerprinteigenschaften vereint“. Die Küchenmöbel sind mit einem Nischenpaneel erweiterbar, das genug Platz für einen ‚hängenden Garten’ und damit für Kräuter bietet. Die sind dann beim Kochen blitzschnell zur Hand.

Planskizze von Eggersmann: Effiziente Ordnung, Übersicht und Griffbereitschaft (Foto: Eggersmann Küchen GmbH & Co.KG)

Individuelles Industriedesign

Apropos Industriedesign: Handelsriese Ikea führt seit Frühjahr 2018 die Produktserie Industriell im Sortiment und betont hierbei die „Einzigartigkeit und gewollte Unvollkommenheit der Produkte“. Das liegt jedoch nicht alleine am Werkstattcharakter der Einrichtungskollektion, sondern vielmehr an der neuen Strategie des schwedischen Konzerns, den Kunden Massenware mit kleinen Unterscheidungsmerkmalen anzubieten: „Durch Einsatz von Algorithmen im Produktionsprozess sind die Möbelstücke individuell und variieren hinsichtlich Design, Muster und Farbe.“ Das heißt: Hier ist mal die Oberfläche etwas uneben, da die Kante nicht ganz glatt und woanders die Farbschicht etwas dicker. Das soll laut Ikea „einen wohligen Eindruck von Handarbeit vermitteln“.
Zur Materialauswahl von Industriell gehören Holz, Metall, Glas, Leinen, Keramik und Papier. Zum Konzept gehören unter anderem eine Bank oder ein Tisch, die gestalterisch und funktional Werkstattmöbeln nahe kommen. Es wurde von einem Designer mit handwerklicher Expertise, dem Niederländer Piet Hein Eek, entwickelt. „Gemeinsam wollten wir eine unerwartete, ursprüngliche und naturverbundene Produktkollektion mit Elementen einzigartiger Handwerkskunst entwickeln“, sagt Karin Gustavsson, Creative Leader von Ikea of Sweden.

Industriell-Werkbank von Ikea: Designer Piet Hein Eek baut das Möbel in seiner Werkstatt zusammen (Foto: obs/Ikea Deutschland GmbH & Co. KG/Inter Ikea Systems B.V. 2017)

Next125 i Regal mit Hängegärten: Kräuter sind schnell zur Hand (Foto: Schüller Möbelwerk KG)

Innenansicht der Preußischen Spirituosen Manufaktur in Berlin mit einigen historischen Destilliergeräten – und viel Bewegungsfreiheit und direktem Zugriff (Foto: Dtuk/de.wikipedia.org)

Modern und flexibel

Der Küchenrichter Ambiente Cucine aus Thaleischweiler-Fröschen wirbt unter dem Motto „Back to the roots“ für „die moderne, flexible Küchenwerkstatt“. Das Wohnen im Industriedesign habe seinen ganz eigenen Charme und das gewisse Etwas ohne dass man gleich in eine Lagerhalle ziehen müsse, heißt es beim Küchenanbieter aus der Südpfalz. Demnach macht die Kombination den Unterschied, Materialmix, Farben und Technik harmonisch miteinander verbinden: „Wir planen (..). ihre individuelle Factory-Küche, ob im rustikalen Werkstattlook, elegant mit weißem Lack und Edelstahl oder in Metalloptik mit sägerauem Holz.“

Lebens-Raum und mehr

Auch bei der Firma Küchenwerkstatt aus Öhringen ist es Programm. „Wir machen den Raum zum Lebensraum“, verkünden die Bau- und Umbauprofis aus dem nordöstlichen Baden-Württemberg. Passend zum Portfolio sprechen die Kücheneinrichter von der einzigartigen Qualität und Gestaltung, der individuellen Planung und meisterhaften Umsetzung. Die Küchenwerkstatt GmbH hält nichts von Küchen von der Stange, sondern entwirft, baut, liefert und montiert maßgeschneiderte Küchen, Wohnküchen, Büroküchen, Esszimmer und Einbaumöbel. Das Unternehmen kooperiert mit ausgesuchten Partnern aus anderen Gewerken und Lieferanten von Elektrogeräten wie etwa AEG und Gaggenau.
Dabei hebt sich der Anbieter noch mit seiner sogenannten Genusswerkstatt ab. Das ist der Lern- und Eventbereich für Kunden, bei dem neben regelmäßigen „Patchwork-Kochworkshops“, Koch- und Grillkursen sowie Geräteschulungen beispielsweise für SousVide Dampfgarer und Vakuumierer Frühstücksbuffets stattfinden. Die Räumlichkeiten und der Outdoor-Bereich bieten sich auch für private und berufliche Feiern an – unter anderem für After-Work-Parties.
Auch mancher gastronomischer Betrieb setzt auf eine Werkstatt-Atmosphäre. Die Küchenwerkstatt Juist etwa heißt nicht nur so, sondern ist auch so eingerichtet. Die urige Location auf der Nordseeinsel ist gleichzeitig Café, Bar und Restaurant und in den halboffen unterteilten Bereichen gemütlich eingerichtet. Zur besonderen Atmosphäre tragen schwere Eichenmöbel im Vintage-Stil, Drahtelemente, buntes Spundholz im nordeuropäischen Stil und Backsteindekor bei. Als Blickfang dienen Küchen- und Haushaltswerkzeuge; so liegen etwa Kochlöffel, Fleischklopfer oder Pfannenwender als Dekoration auf Ablageflächen.
Arnd Westerdorf

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