Wandelbare Küche

Vom Wohn- zum Lebensraum

Das „ewe Soundmodul“ ist ein Gewinner des Kücheninnovationspreises des Jahres 2015, der auf der Frankfurter Ambiente 2015 präsentiert wurde. Die prämierte integrierbare Lautsprecher-Einheit hat es den Juroren unter anderem deswegen angetan, weil man sich mit ihr „ohne Klangeinbußen frei in der Küche bewegen kann.“ Die Erkenntnis daraus kann nur lauten „Willkommen im neuen Wohnraum Küche“. Um diesen Trend dreht sich offenbar die gesamte Küchen- und Kochbranche. Wohnlichkeit ist angesagt – für den Küchenraum, dessen Möblierung, das Styling, die Dekoration, die Technologie und die Vernetzung mit allen modernen Lebenssituationen. Das wird auch die Cookshop-Sparte zu spüren bekommen.

In mehr als 90 Prozent der Neubauten werden offene Küchen eingeplant und für einen Konjunkturpush sorgen. (Foto: LivingKitchen 2015, Neff, Megacollection)

Die gute Nachricht lautet: Die Deutschen lieben ihre Küchen. Diese sind Statussymbole, für welche man/frau auch schon mal etwas tiefer in die Tasche greift: Denn für eine Küche wird durchaus genauso viel bezahlt wie für einen besser ausgestatteten Kleinwagen. In einer von Siemens beauftragten Studie gaben sogar 57 Prozent der Befragten an, dass ihnen eine tolle Küche wichtiger sei als andere Güter – zum Beispiel als ein Auto, dem nur noch knapp 30 Prozent die Stange halten. Das wundert wenig, wenn man weiß, dass knapp über 70 Prozent der im Rahmen der Brigitte „KommunikationsAnalyse“ 2012 befragten Frauen angaben, dem Kochen positiv zugetan zu sein.

Höhere Preisklassen sind Renner

Dass Kochen Spaß macht ist für Haushalts-/Cookshop-Fachgeschäfte zwar wenig überraschend. Wie stark dieser Trend selbst in der Küchen- und Bau-Branche angekommen ist und hier für Wandel sorgt, ist dagegen schon erstaunlich. So ging beispielsweise der Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche“ (AMK), Kirk Mangels, Köln, vor wenigen Jahren noch davon aus, dass der Homing-Trend ein Neben-Effekt der Krise war.

Heute attestiert er, dass sich die Küche, das Kochen und die gesunde Ernährung als Megatrend festgesetzt haben. Die Küchenanbieter freut es. Denn während die Ausgaben für Billigküchen stagnieren, wird bei edlen Kochlandschaften zugegriffen. Laut einer Studie der Konsumforscher der GfK erwiesen sich im vergangenen Jahr die Küchen in der Preisklasse zwischen 10.000 und 20.000 Euro als Verkaufsrenner.

Möbel für das Leben in der Küche

Der dazu passende Trend ist eindeutig: Der bisher gern cool gehaltene Arbeitsraum wird gemütlich sprich wohnlich. Mittlerweile lassen sich aus Küchenmöbeln nicht nur schicke, sondern sogar hochwertigste Wohnzimmermöbel planen. Das Küchenmöbelkonzept „nolte neo“ von Nolte Küchen ist ein Beispiel dafür. Erdacht für das wohnlich-moderne Lebensgefühl beinhaltet diese Serie neben klassischen Küchenmöbel wie Schrank, Ablage, Spüle und Herd auch Möbel aus angrenzenden Lebensbereichen: Etwa eine Bibliothek, ein Kamin oder eine illuminierte Vitrine. Individuell in jede Umgebung integrierbar, schaffen diese Möbel einen fließenden Übergang zum Wohnraum, „und stehen sie für ein neues, offenes Verständnis des Lebens in der Küche“, heißt es im Werbetext.

Unter dem Motto „Mit purer Freude Kochen“ rückte auf der Living Kitchen die gesamte Branche in den Trendfokus. (Foto: Vestel / Kölnmesse)

Ein Trend, der für die Küchenmöbel generell gilt, lautet die Botschaft von den großen und kleinen Küchenmessen: Schränke werden gern kombiniert mit schlichten, offenen Regalen für Bücher, Dekorationen und so genannten Krimskrams. „Regale ersetzten Oberschränke und lassen die Küche wohnlich wirken“, sagt zum Beispiel Jörg Overlack, SieMatic. Insgesamt geht es dabei längst nicht nur um kuschelig einladende Küchen. Offene Regale, die Töpfe, Schüsseln, Teller & Co. sollen vor allem auch die Koch- und Genusskompetenz der jeweiligen Küchenchefs signalisieren. So gehören auf Regalen oder Bilderleisten aufgestellte Kochbücher zu den angesagten Styling-Tipps der Publikumspresse. Gleichzeitig liest man dort den Rat: „Weniger schöne Utensilien teilweise oder komplett“ in Schränken verschwinden zu lassen.

Küche als Statusobjekt

Um sich wohl zu fühlen muss die neue individuelle Wohnküche entsprechend schön aussehen und mit ihrer Ausstattung etwas her machen. Denn mit der Öffnung der Küche wird sie nicht nur als Aufenthaltsraum wichtiger, sondern auch als Statusobjekt immer attraktiver. Das ergab auch der „ritter Küchenreport“, für den im Juli 2014 über 800 Personen in einer Repräsentativbefragung um Antworten gebeten wurden. Danach ist für 69 Prozent das Kochen in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Das gelte übrigens für Frauen wie für Männer. Wobei die Frau rund 3,16 Jahre ihres Lebens in der Küche verbringt, während sich der Mann dort nur 1,45 Jahre aufhält. Aber für beide sind Kochen und Essen wesentliche Bestandteile des sozialen Miteinanders. Damit wird die Küche immer mehr zum zentralen Aufenthaltsraum, sagen immerhin fast 43 Prozent. Und viele sind bereit, in diesen Raum zu investieren: 48,1 Prozent würden für neue Küchengeräte Geld ausgeben, um sich gesünder zu ernähren, und für knapp 47 Prozent ist die Kücheneinrichtung ein Prestige-Faktor. Vor allem bei den Männern rückt hier das Produkt-Design in den Vordergrund. Sie wollen, dass die Geräte – vor allem die Elektrokleingeräte – zur Küche passen.
Das ist eine klare Ansage an die Küchen- und Cookshop-Branchen. Sichtbar reagiert hat auf der internationalen Fachmesse Living Kitchen im Januar 2015 die Küchengeräte-Industrie: Sie gab in Köln sozusagen ihre Styling-Visitenkarte ab. Zeyco zum Beispiel zeigte Schrankflächen, die mit Weißgold (Kostenpunkt für eine Kücheneinrichtung rund 50.000 Euro ohne Geräte) belegt waren. Wer es deftiger mag, dem wurden beton- oder metallbeschichtete Fronten und sechs Millimeter dicke Arbeitsplatten aus warm gewalztem Edelstahl angeboten. Vor diesem Hintergrund erlangt die Aussage von Hans Strohthoff ein doppeltes Gewicht. Der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels empfiehlt als Verkaufsargument für seine Kollegen eine neue Küche als Investment zu beraten: „mit langfristiger, gesicherter Renditeerwartung in der Form von Lebensqualität, Geselligkeit, Stil, Genuss und Freude“. Da müssen Mieter einer 08/15 Küche leider meist passen. Denn die Durchschnittsküche nur rund 13,5 Quadratmeter groß, ergab eine Umfrage der Hettich Unternehmensgruppe.

Für Vegetarier (Foto: LivingKitchen 2015, Michael Liebert Formquadrat Vooking original)

Ikea erkennt Bedürfnisse

Doch auch für kleinere Küchen und mit durchschnittlichen Einkommen wird gern für Küche und Kochen gestylt und eingekauft. Ikea Deutschland Geschäftsführer Peter Betzel: „Wir glauben, dass das Thema Kochen und Essen zu Hause noch an Bedeutung gewinnen wird.“ Immerhin ist Ikea nach eigenen Angaben mit einem Marktanteil von acht bis zehn Prozent der größte Küchenverkäufer in Deutschland. Dieser Anteil soll laut Betzel verkoppelt werden. Das Küchenprogramm „Metod“ für ein „besseres Leben zu Hause“ soll mit dazu beitragen. Neben dem Bekenntnis zur Wohnlichkeit nimmt auch die Mode immer mehr Einfluss auf die Küche. So bekennen sich zum Beispiel die Spülen von Schock zur Modefarbe Grau. „Croma“, der neue kühle, metallische Grauton sei ein „echtes Highlight für Liebhaber des Industriedesigns, das sich in neutralen Tönen, natürlichen Materialien wie Holz und Metalloberflächen präsentiert“, argumentiert Sven-Michael Funck, Director International Sales und Head of Marketing.
Generell verliert puristischer Labor-Chic in der Küche an Glanz. Denn der Edelstahl-Anteil wird in dem Maße zurückgeführt, in dem es in der Küche gemütlich wird. Eine Trendwende, die von Nutzerstudien bestätigt wird.

So haben Küchengeräte mit weniger Anteilen an Edelstahl eine höhere Akzeptanz bei den Konsumenten, erläutert Gerhard Nüssler, Chefdesigner der Siemens-Elektrogeräte. Dafür ist Holz eindeutig auf dem Vormarsch. „Holz umarmt und verwöhnt uns. Es ist der sinnliche Gegenpol zur ständigen digitalen Interaktion“, beschreibt Nolte Küchen Artdirektor und Designer Mike Meiré die Entwicklung. Den Wunsch nach Natürlichkeit in der Küche machen die Schüller Möbelwerke übrigens nicht nur bei älteren, sondern auch bei jungen Zielgruppen aus. Die passende Neuheit zur Stilwende präsentierte sich auf der Living Kitchen mit grau lackierten Rahmentüren in Holzstruktur.
Apropos ältere Zielgruppe: Den Küchenwünschen der „Best Ager“ widmeten sich auf der Münchener Weltleitmesse für Architektur „Bau“ im Januar 2015 KitchenAid (Großgeräte) und Tielsa (Küchenelemente). Burkhard Mölleken, Sales & Marketingmanager für KitchenAid: „Zu unseren Kunden zählen leidenschaftliche Hobbyköche, die gerne selbst kochen und backen, und das bereits seit vielen Jahren“. Darum spiele das ergonomische Design eine zentrale Rolle.

Offen und stylisch sind die neuen Küchen, die Prestige und Kochkompetenz ausstrahlen (Foto: Häcker Küchen)

„Erfahrungsgemäß arbeitet gerade dieser Kundenkreis lieber mit Küchengeräten, die über klassische Bedienelemente verfügen, also mit Knöpfen und Knebeln statt mit Touchcontrol-Feldern“, so Mölleken. Das liege vor allem daran, dass klassische Elemente eine wesentlich präzisere und schnellere Anwendung ermöglichen als moderne Bedienungen, die oft weniger intuitiv sind.

Verkaufsargument Vernetzung

Die „Best Ager“ von morgen werden andere Wünsche haben: Schon in zwei bis drei Jahren werden sich vor allem im Premiumsegment Geräte ohne Vernetzungsfunktion nicht mehr verkaufen lassen, prognostizierte Roland Hagenbucher, Geschäftsführer Siemens-Electrogeräte GmbH, im Gespräch mit der FAZ. Schon heute lassen sich Küchengeräte zunehmend mit Hilfe der Smart-Phone-Technologie steuern: Apps ermöglichen die Kontrolle von Backöfen und Kaffeemaschinen, auch wenn der User kilometerweit entfernt ist. Intelligente Sensoren werden in Zukunft eigenständig mitdenken, um etwa vor dem nahenden Anbrennen Kochfeld-Temperaturen herabzusetzen oder Gefäße unter der Armatur automatisch nur mit der maximalen Wassermenge zu befüllen. Und schon heute wird der User per App informiert, dass das Backgut im Backofen tatsächlich gar und knusprig ist.
AMK-Geschäftsführer Kirk Mangels ist davon überzeugt, dass es unter der Überschrift „Smart Home“ Angebote geben wird, die letztendlich zum „Smart Being“ beitragen. Der Kühlschrank werde zwar nicht eigenständig eine Tüte Milch nachbestellen, aber er verrechne seine warme Abluft mit der Raumtemperatur. Die Wohnung werde „erkennen“, wann die Bewohner wieder zu Hause sind und genau dann die Espressomaschine starten: „Die hier auf der LivingKitchen präsentierten Innovationen und die aktuellen Trends werden die Küche weiter in den Mittelpunkt des Zuhauses rücken“, ist Mangels überzeugt.
Wie perfekt oder gemütlich die neuen Küchen auch immer sein werden, wie kreativ-gesellig Kochfeste auch sein mögen – die offene Küche ist nicht immer ein Augenschmaus. So gibt es auch im Fall der offenen Küche ein „aber“ mit Umsatzchancen: Nachdem die Wände herausgerissen wurden, sind plötzlich wieder Trennwände gefragt, weiß der Verband der deutschen Möbelindustrie. Die Lösung sind flexible Raumteiler, die neu in Küchensortimente aufgenommen werden könnten. Schließlich werden nur die wenigsten Hobbyköche die Möglichkeit haben, neben ihrer repräsentativen Küche eine Zweitküche zu besitzen, in der die anspruchsvollen Hobbyköche dann „richtig“ arbeiten.
Eva Barth-Gillhaus

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