Das neue Wohnzimmer

Küche im Mittelpunkt

In den Köpfen der Menschen und in den privaten Räumen fallen die Wände: Eine „Metamorphose“ nennen Insider den Trend, der Küche und Wohnzimmer vereint. Damit verändern sich die traditionelle Ausstattung und Möblierung der Küchen. Die Küchenmöbel-Anbieter und Gerätehersteller haben reagiert. Sie rücken mit ganzheitlichen Konzepten die Küche in den Mittelpunkt des Lebens. Selbst für den Fall, dass die moderne Küche einfach mal kalt bleibt. Parallel werden die Elektrogeräte wohnzimmertauglich.

Küche und Wohnraum für die „Kunden von Morgen“ fokussiert Konzepte für acht Zielgruppen (Foto: Sachsenküchen)

Die Küchenmöbelbranche treibt in Kollektionen, Konzepten, Visionen und konkreten Beispielen die Verschmelzung der Räume weiter an. Schließlich verspricht ihr der Trend Umsatzpotenzial in den Wohnräumen. Auf Handelsseite dokumentiert der Marktführer Ikea in seinem Küchen-Katalog 2018 (gültig bis Ende Juli) in Ambiente-Fotos, wie diese Raumfusion eingerichtet werden kann.
Die Entwicklung war fast zwangsläufig, nachdem erst einmal die so genannte „offene Küche“ mehrheitsfähig wurde. Nun wird die Küche komplett Teil des Wohnraums. In der Folge darf sie nun nicht mehr nur den eigenen Kochambitionen genügen, sondern sie muss gleichzeitig zu den übrigen Wohnansprüchen passen. Damit avanciert die Küche zur Freude der Küchenbranche endgültig zum Statussymbol. Für Volker Irle, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK), löst die Küche schon seit Jahren immer mehr das Auto als Statussymbol ab. Das schlägt sich – trotz massiver Rabattstrategien – in messbar steigenden Durchschnittsbons für die Küchen nieder. Steigendes Designbewusstsein kombiniert mit Wertschätzung für funktionale Lösungen sind dabei die Treiber. Vor allem die Elektrogeräte in der Küche sind gefordert. Sie müssen flexibler werden, flüstern lernen, idealerweise automatisch Gerüche und Kochdünste vermindern oder sie erfüllen – wie zum Beispiel die „Skyline Edge Sound“ Dunstabzugshaube – vor, während und nach dem Kochen den Raum mit angenehmem Sound. „Für alle, die ihre Küche als Lebensraum verstehen“, schreibt Hersteller Berbel, der zusammen mit dem High-End-Audiospezialisten T+A die Haube zum Klangkörper machte. Die Bedienung erfolgt über WLAN und eine T+A Control App.

Diese Koch-, Ess-, Wohn-Landschaft mit Gartenanschluss plante Innenarchitektin Henrike Becker für ein Haus in Westfalen (Foto: Becker Innenarchitektur, Lisa Winter)

Equipment wird sichtbar

Schon seit einigen Jahren strebte die „Wohnküche“ zu noch mehr Offenheit. Es wurden Wände eingerissen und die räumliche Trennung von Küche und Wohnraum Schritt für Schritt abgebaut. Für den neuen Treffpunkt der Wohnung wurden Küchengestaltungen und -ausstattungen angepasst. Ordnungssysteme, designorientierte Oberflächen und Fronten bei Küchenmöbeln und Elek­tro-/Einbaugeräten standen unter der Prämisse der Sichtbarkeit. Man setzt im Sinne der Wohnlichkeit auf offene Stauraummodule, für die Dinge, die „zu schön sind, um in Schränken versteckt zu werden“, so ein Küchenhersteller. Davon profitiert auch das Vorzeige-Equipment der Cookshop- und Küchengeräte-Marken. Und selbstverständlich werden für diese Konzepte Küchenhelfer & Co. im Design der Extraklasse gesucht.
Unterstützt durch die anhaltende Koch-Begeisterung und das gemeinsame Kochen erreicht die offene Küche jetzt dieses höhere Level. Die Planung beginnt mit der Bauplanung, denn Küchen mausern sich zunehmend zu Grundpfeilern der weiteren Innenausstattung. Irle: „Zuerst wird die Küche gekauft und dann das restliche Wohnzimmer drumherum gestaltet.“ Große und kleine Möbelmessen dokumentieren diese Entwicklung. So stand die Messe „küchenwohntrends“ am 6. und 7. Mai 2018 in München ganz im Zeichen des Verschmelzens der Räume Küche, Leben, Wohnen. Und die LivingKitchen, Köln, thematisiert vom 14. bis 20. Januar 2019 die Küche von morgen als einen Raum für geselliges Kochen – sie steht für einen Lifestyle, ist man bei der Koelnmesse überzeugt. „Es sind vor allem drei Dinge, die die Entwicklung der Küche zum modernen Lebensmittelpunkt vorantreiben: die Innovationen in der Geräte-Technologie, die Trends im Design und die sich verändernde Koch- und Esskultur“, so Matthias Pollmann, Geschäftsbereichsleiter Messemanagement LivingKitchen.
Selten sahen Küchen so unterschiedlich aus und hatten so vielfältige Funktionen wie heute. Ähnlich wie seinerzeit mit der Erfindung der „Frankfurter Küche“ ist die Küche heute wieder ein Spiegel des gesellschaftlichen Wandels. Für die Küche werden Komfort und Funktionalität Individualität zum Maß der Dinge. Und bleibt die Küche einmal kalt, soll sie zumindest als Glanzstück und Blickfang im Wohnbereich dienen. So individuell wie der Wohnbereich gestaltet wird, soll auch die Küche konzipiert werden. Dafür greifen die Deutschen gern etwas tiefer in die Tasche. Der pro-Kopf-Umsatz für Küchen stieg 2017 auf knapp 180 Euro. Das sind immerhin 8 Prozent mehr als im Vorjahr, unterstreicht Karl Oerder, Marktforschungsleiter von Marketmedia24, Köln. Und die GfK ermittelte, dass 2017 der Durchschnittspreis für Küchen mit 6.900 Euro erneut um 200 Euro gestiegen ist. Wobei das Preissegment zwischen 10.000 und 20.000 Euro gegenüber 2016 um acht Prozent zulegte.

Sie lässt sich passend zum Wohnambiente verkleiden und sorgt für satten Sound: Die Dunstabzugshaube mit Klangkörper (Foto: Berbel)

Je wohnlicher die Küche wird, desto wichtiger werden leise, leistungsstarke Dunstabzugshauben. Hier steht außerdem die Individualität im Vordergrund (Foto: Neff)

„Wohnraum und Küche wachsen zusammen. Die offene Küche ist ein Trend, den wir schon viele Jahre begleiten. Hier gibt es zwei Herausforderungen: Sie muss einerseits alle technischen Funktionen einer Küche erfüllen und auf der anderen Seite optisch als Wohlfühlraum wahrgenommen werden. Während die Technik im Inneren für Freude bei der Nutzung sorgt, schafft die äußere Form Klarheit und nimmt sich zurück. Bestes Beispiel für ein Gerätedesign, das sich bewusst auf das Wesentliche beschränkt, ist unser Slide&Hide Backofen mit flächenbündigem Griff. Hier verschwindet die Backofentür nach dem Öffnen vollständig in einem Fach unter dem Ofen und steht nicht im Weg. Ästhetik trifft also auf maximalen Komfort und gleichzeitig auf perfekte Einbau-Kompetenz, die für Wohnlichkeit sorgt. Das sind Entwicklungen nach unserem Geschmack!“
Stefan Kinkel, Geschäftsführer Neff Hausgeräte

Für die Kunden von morgen

Das steigert den Mut der Küchenhersteller, auch den Wohnraum zu erobern. Auf Lebensstile basiert zum Beispiel die Strategie von Sachsenküchen. Dabei fokussiert man die Bedürfnisse der „Kunden von morgen“, für die man laut Geschäftsführer Elko Beeg nicht nur die Küche, sondern den gesamten Wohnraum betrachtet. Den Beweis treten die Sachsen zum Beispiel mit einem 90 Quadratmeter Single-Apartment an, das für den angenommenen Bewohner „Vincent“ entwickelt wurde. Vincent, markenbewusster Immobilienmakler, nutzt seine Küche als Wohnzimmer in wertiger Optik, das einladend und gemütlich beleuchtet wird, über viel Stauraum, Platz für Freunde und einen langen Esstisch für größere Kochevents verfügt. Besonders im Fokus für dieses Apartement stehen für Beeg innerhalb der Zielgruppe der Einpersonenhaushalten (2016 knapp 17 Millionen) vor allem Singlehaushalte in Großstädten, die eine offene Wohnstruktur bevorzugen. Das „Vincent“-Apartment ist nur ein Beispiel lebensstilorientierter Wohnkonzepte. Entwickelt wurden außerdem Ideen für die in einer Studie des Zukunftsinstitutes definierten Netzwerk-Familien, Superdaddys, Mentoren und Berufspraktikanten. Wobei für letztere eine „umzugsfreundlich“ versteckte Kochstelle entwickelt wurde.
Tatsächlich stellen nicht nur etablierte Loftbewohner hohe wohnliche Anforderungen an die Küche. Mobilität und der Trend der kleinen Wohnungen brauchen ebenfalls neue und selbstverständlich wohnlich offene Küchenkonzepte. Eine Antwort darauf liefert exemplarisch die „Miniki Slimline“ Kompaktküche. Sie ist flexibel, alltagstauglich und sieht aus wie ein modernes wandhängendes Sideboard. Ihre Funktionalität, die bis zur voll ausgestatteten Wohnküche reichen kann, wurde mit dem „Design Innovation of the Year 2017“ und dem „Platin Award Winner“ ausgezeichnet.

Der Tisch als Herzstück

Bei Bulthaup steht für die Fusion von Küche und Wohnraum der Tisch, an dem das Essen gemeinsam genossen wird, im Zentrum. Da sich das Kochen als Akt der Selbstdarstellung auf dem Rückzug befindet, „wird die Küche zu einem offenen und kommunikativen Raum“. Weil viele Menschen nicht mehr zwischen Esszimmer, Küche und Wohnzimmer unterscheiden, definiert Bulthaup die Küche als Zentrum des Wohnens mit dem Tisch als Herzstück.

Das „b.architecture“-Konzept definiert die Küche als Zentrum des Wohnens mit dem Tisch, an dem zubereitet und genossen wird als Herzstück (Foto: Bulthaup)

Die „Kochen - Essen - Wohnen Landschaft“ ist keine Vision mehr. Einrichtungsbeispiel aus dem „Küchen 2018“ Katalog von Ikea (Foto: Inter IKEA Systems B.V.)

Ein Ort der „Komödie und Tragödie“, eine Einladung zu mehr menschlicher Resonanz, beschreibt Beatrix Neulinger, Leiterin Marken Kommunikation, die Idee, die unter dem Titel „b.architecture“ auf der Mailänder Möbelmesse 2018 als Gesamt­raumkonzept vorgestellt wurde. Der Tisch von „b.architecture“ verfügt über integrierte Wärme- und Kühlmodule, Arbeits-/ Abstellflächen und sogar Wasserstellen. Alle Funktionen sorgen dafür, dass Gastgeber nicht allein in der Küche stehen, und die Gäste nicht mehr am Tisch der Genüsse harren, sondern in die Zubereitung ihres Abendessens eingebunden werden.
Und Gäste werden hierzulande relativ gern bekocht. So fand Forsa in der repräsentativen Studie „Wie wohnt Deutschland?“ im Dezember 2017 im Auftrag von Musterring heraus, dass 25 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Monat zum Essen einladen und noch einmal 28 Prozent mindestens einmal pro Vierteljahr. Aufschlussreich auch die Tatsache, dass bei fast der Hälfte der Befragten (46 Prozent) der Esstisch im Wohnbereich, bei 31 Prozent in der Küche steht. 14 Prozent haben eine offene Wohnküche mit Esstisch. „Sie ist der Traum vieler Menschen, eine gemütliche, offene Wohnküche, in der lustvolles Kochen, Essen, Trinken, Feiern, Lachen, Wohnen sowie Online-/Offline-Kommunizieren und Diskutieren stattfinden, aber auch die Möglichkeit zu Rückzug und Stille gegeben ist“, schwärmt Volker Irle. Als „neuer Mittelpunkt des Zuhauses“ thematisierte die AMK die moderne offene Wohnküche unter dem Tenor „Treffpunkt Wohnküche“ am „Tag der Küche“ 2018.
Es gibt keinen Zweifel daran, dass diese zur Einheit verschmelzende Wohn-Küche auch für die GPK-/Cookshop-Branche neue Chancen bedeutet. Zumal das Internetportal Houzz mit einer Studie bei 1.000 Verbrauchern herausfand, dass ein Viertel aller Küchenkäufer mit ihrer neuen beziehungsweise renovierten Küche einen gesünderen Lebensstil startet. Und für 31 Prozent ist die neue Küche generell Anlass, häufiger selbst zu kochen. Die Verbindung von Ernährungstrends und Küche wird auch auf der Livingkitchen 2019 Thema sein. In der Sonderschau „Future Lifestyles“ sollen gesellschaftliche Entwicklungen wie Urbanisierung und Sharing-Konzepte, aber auch Koch- und Ernährungstrends wie Bio und Veggie, In-Vitro und Convenience, Kochroboter und Dialoggarer aufgegriffen und spannend vorgestellt werden. Dabei geht es um die Frage, auf welche Weise Ernährungstrends die Küche verändern. Wird zum Beispiel die private Küche von morgen zur „kalten Küche“, in der außer Smorging und Convenience kaum noch was auf den Theken-Tisch kommt, während man in der Gemeinschaftsküche Feste feiert? Oder übernimmt ein Roboter das Kochen komplett? Wird es einen Gegentrend mit Gasherd geben, in der Hühnerbrühe mit Gemüse aus der gepachteten Gartenparzelle köchelt?

 

Die Kompaktküche „Miniki Slimline“ gleicht im geschlossenen Zustand einem modernen wandhängenden Sideboard (Foto: Miniki)

Küche zum Ernährungstrend

Ein Ernährungstrend hat tatsächlich schon seine eigene wohnliche Küche: Die „Veggikitchen“ mit speziellen Schränken zum Aufbewahren von Geräten wie Slow Juicer, Power-Mixer, Tablar-Auszug, der in oft ungenutzten Ecken Platz schafft für Kaffeemaschine, Thermomix, Power Smoothiemixer und Co. Ein Mörser ist in die Arbeitsplatte integriert, und für Getreide oder Saatgut gibt es Schütten. Das LED-Licht optimiert den Indoor-Anbau von Pflanzen und Sprossen. Und weil auch Vegetarier gern in der Küche wohnen, schafft das Lichtsystem mit dezentem Lila-Ton eine warm-gemütliche Atmosphäre, verspricht der Anbieter.
Im Zuge der Verschmelzung der Räume, die erst Küche und Esszimmer einander näher brachte, nun das Wohnzimmer andockt, sprechen laut Bauemotion.de-Magazin viele Innenarchitekten und Möbelhersteller überhaupt nicht mehr von den altbekannten Räumen, sondern von der „Landschaft Kochen – Essen – Wohnen“. Eine Ära, auf die sich Sortimente und Merchandising stärker einstimmen sollten.
Eva Barth-Gillhaus

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