ZWEI MAGAZINE - EINE WELT

Großer Auftritt

für das Wiener Geflecht

Lange Zeit gehörten sie vor allem zum Mobiliar von Caféhäusern: Stühle mit einer Sitzfläche aus Strohgeflecht, das auch als „Wiener Geflecht“ bekannt ist. Es besteht aus Peddigrohrsträngen, einem Rohrgeflecht aus dem Stamm der Rotang- oder Rattanpalme.

Beschirmt: Schreibtisch „Allegory“ von Gebrüder Thonet Vienna GTV

Dieses Muster verbindet man auch heute noch mit dem berühmten Caféhausstuhl-Modell Nummer 14 aus dem Hause Thonet. Doch im Gegensatz zu früher wird das Geflecht heute nicht nur für die Sitzflächen von Stühlen eingesetzt, sondern auch für Schränke, Schreibtische, Bänke, Sideboards, Leuchten, Sessel und Accessoires wie Tabletts. Dank des Trends zu Naturmaterialien und dank der Kombination mit modernem Design haben die miteinander verflochtenen Peddigrohrstränge längst das Zeug zum Evergreen.
Das auf dem Thonet-Erbe aufbauende Unternehmen der „Gebrüder Thonet Vienna GTV“ führt die alten Traditionen weiter und verbindet sie mit einem modernen Style: Der Schreibtisch „Allegory“, der von dem italienisch-dänischen Studio Gamfratesi entworfen wurde, zeigt als zentrales Element eine große Scheibe aus dampfgebogenem Buchenholz, die einen Schirm aus Wiener Geflecht trägt. Dieser Schirm ist nicht nur ein schöner Hingucker, sondern kann beispielsweise als „Pinnwand“ für Notizzettel genutzt werden.
Unter der Tischplatte befinden sich außerdem ein großes offenes Ablagefach und eine Schublade, in denen man Unterlagen und Büroaccessoires verstauen kann.

Revival mit Pfiff

Auch das Sideboard „Air“ von Design House Stockholm beweist, dass geflochtenes Schilfrohr auf sehr moderne Art eingesetzt werden kann: Massive Birkenholzrahmen tragen die Elemente aus Schilfrohr-Geflecht, wobei die Fronten und Rückseiten in einzelne asymmetrische, das Design auflockernde Rechtecke gegliedert sind. Durch das Schilfrohrgeflecht hindurch lässt sich der Inhalt des Sideboards nur erahnen – auf diese Weise hält das Sideboard des schwedischen Herstellers gekonnt die Balance zwischen der Optik eines geschlossenen „aufgeräumten“ Schränkchens und der luftigen Leichtigkeit eines offenen Regals.

Modern: Clubsessel „Colony“ von Miniforms

MultiFunktional: Elegant und praktisch zugleich: „Salon“ von Normann Copenhagen

Liaison mit Metall

Richtig cool wird es, wenn man Metall mit dem Wiener Geflecht verbindet. Ein gutes Beispiel dafür ist der Sessel „Colony“ von Miniforms: Als eine aktuelle Version des klassischen Clubsessels wurde der Fauteuil in Zusammenarbeit mit dem jungen kroatisch-irischen Designer Stefan Krivokapic entwickelt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische Formen und Materialien auf eine moderne Art aufzupeppen. Bei „Colony“ mit seiner eckigen Form und den unterschiedlichen Farb- und Materialkombinationen ist das Konzept voll aufgegangen.
Der spanische Designer Andreu Carullo wiederum nutzt das Wiener Geflecht für die Gestaltung einer im wahrsten Sinne des Wortes himmlischen Sitzbank: Die „Bernardes Bench“ war ursprünglich für ein Hotel in der Nähe eines Klosters bestimmt. Das Design sollte sich also in die Klosterlandschaft einfügen und daher nicht zu protzig, aber dennoch außergewöhnlich und vor allem gemütlich wirken. Hinzu kam, dass Andreu Carullo nur Materialien und Herstellungstechnike nutzte, die vor hundert Jahren üblich waren. All diese Aufgaben hat der spanische Gestalter auf spielerische Weise gelöst: Mit der „Bernardes Bench“ ist eine Sitzbank entstanden, auf der sich sogar Nonnen wohl fühlen.
Und auch als Grundmaterial für Leuchten macht sich das Geflecht gut: Der niederländische Hersteller Moooi verwendet die beliebte Geflecht-Optik für die Tisch- und Hängeleuchte „The Emperor“, die von dem chinesischen Design-Team Neri & Hu gestaltet wurde. Angeblich sollen die an einen Vogelkäfig erinnernden Leuchten in Anlehnung an eine Legende entstanden sein: Ein chinesischer Kaiser geht eine unzertrennliche Freundschaft mit einer Nachtigall ein und lässt sich für seinen Lieblingsvogel einen Rattankäfig anfertigen. Eine schöne Geschichte, die den Unikatcharakter der Lampenschirme noch betont. Denn alle Modelle von „The Emperor“ sind handgefertigt und somit Einzelstücke.

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