ZWEI MAGAZINE - EINE WELT

Digital World

POS als digitale Experimentierzone

Verschiedene Welten, gemeinsame Mittel und ein Zusammenwachsen: Stationärer und Online-Handel kämpfen immer mehr mit digitalen Mitteln um die Gunst der Kunden. Die wollen überall online sein, bequem einkaufen und was erleben. Praxistaugliche POS-Lösungen zeigen, wie.

Neue Einkaufswelt: Digitales Verkaufsumfeld, hier beim Experience-Store von Karstadt: Kunden können vielerorts schon pfiffige wie praktische POS-Helfer nutzen (Foto: Mavis GmbH/Richard Unger)

In Deutschland ist die Digitalisierung auf dem Vormarsch. Widerstand ist wohl selbst für Bewahrer des Bewährten zwecklos, da Computertechnologie bereits alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringt, dem Digitalen die Zukunft gehört – wie auch der neue Arbeitsbereich bei der Bundesregierung signalisiert – und die Wirtschaft von Konzepten wie Smart Home, dem Internet der Dinge, Industrie 4.0 und damit groß von der breiten Vernetzung profitieren will.
Nach Studien von Forschern und Dienstleistern im Markt wird das so genannte Computing – vor allem das mobile – künftig noch intensiver genutzt und omnipräsent sein. Laut einer Liste der Creditreform stehen Systeme mit Umgebungsdaten ganz oben bei den neuen Realitäten. Diese Systeme erfassen den Kontext von Nutzern, Geräten und Handelsumfeld und interagieren untereinander.

Große Vorbilder

Die großen Handelskonzerne gehen hier im Kampf um Marktanteile und um werbewirksame Vorreiterrollen voran –auch wenn manche Fachhändler die Namen nicht mehr hören können oder sehen wollen. So hat Online-Marktführer Amazon, der in den USA die Biomarkt-Kette Whole Foods Market betreibt und Ladengeschäfte in Deutschland erwägt, Ende Januar in Seattle den angeblich weltweit ersten Supermarkt ohne Kasse und Verkäufer eröffnet. Die Ladenkunden müssen beim Herein- und Herausgehen an einer Schranke nur ihr mobiles Telefon mit der entsprechend geladenen App halten

Die Media Markt Saturn Retail Group, nach eigenen Angaben Europas führender Händler für Konsumentenelektronik, wartet seit März in Innsbruck „mit Europas erstem kassenlosen Elektronikmarkt“ auf. Mit dem zunächst als Pop-Up-Store (siehe auch www.trendwelten.eu, Rubrik „Themen&Trends“) angelegten Pilotprojekt ’Saturn Express’ unterstreicht das Unternehmen ausdrücklich „seinen Anspruch, Konsumenten in der zunehmend digitaler werdenden Welt als Partner und Navigator zur Seite zu stehen“. Zugleich ist das Unternehmen ebenfalls testweise mit dem Verkaufskonzept ’Virtual Saturn’ auf Roadshow durch deutsche Filialen gegangen. Was lange Zeit als Zukunftsmusik gegolten habe, sei mit Europas erster Virtual-Reality-Einkaufswelt für Consumer Electronics nun Realität und schaffe ein neues Shoppingserlebnis, heißt es beim Anbieter. Demnach können Saturn-Kunden mit einer VR-Brille und einer Smartphone-App Produkte in der virtuellen Umgebung entweder eines modernen Wohnlofts oder in einer Raumstation auf dem Planeten Saturn erleben und anschließend kaufen. Bei Gefallen können die thematisch nahen Technikprodukte wie etwa tragbares IT-Zubehör oder Computeruhren von der virtuellen Merkliste in den Saturn-Onlineshop übertragen werden, „um dort den Kauf bequem online abzuschließen“, wie es der Anbieter formuliert.

Möbelriese mischt mit: AR-Lösung von Otto: Digitales Platzieren von Webshop-Produkten (Foto: Otto GmbH & Co KG)

„Wir sehen großes Potenzial in Virtual Reality und sind fest davon überzeugt, dass es die Art, wie wir Dinge erleben und auch, wie wir Produkte einkaufen, deutlich verändern wird. Es ist daher nur konsequent, dass wir eine Shoppingwelt dafür entwickeln und damit unseren Kunden möglichst früh dieses neue Medium und seine Möglichkeiten zugänglich machen“, betont Martin Wild, Chief Digital Officer der Media Markt Saturn Retail Group und geschäftsführender CEO des Technologiespezialisten Media Markt Saturn N3XT.

Individuelle Angebote

Der Topmanager deutet auch die Zielrichtung der Technologie an: „Ein wichtiger Teil unserer Strategie ist es, unsere Kunden zukünftig verstärkt in ihrem eigenen Zuhause zu beraten.“ Neben einem erweiterten Produktportfolio plant der Anbieter auch eine „Multiuser-Funktion“, mit der „sich dann bis zu vier Freunde per VR-Brillen im virtuellen Raum treffen und gemeinsam in den virtuellen Welten einkaufen gehen“.
Das klingt nach einem verstärkten Online-Transfer, wobei die beiden Filialketten Media Markt und Saturn zunächst ihre Ladengeschäfte weiter computerisieren. Laut ,Lebensmittelzeitung’ (LZ) wollen sie die bisherigen Preisunterschiede zwischen ihren Filialen und Internetshops einebnen und die Verkaufspreise angleichen. In diesem Kontext berichtete die Fachpublikation jüngst vom Großeinkauf elektronischer Regalschilder mit einem Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro für alle 261 Märkte der Filialketten. Die LZ verwies dabei auf ergänzende Aussagen des Vorstandschefs des Mutterkonzerns Ceconomy Pieter Haas, wonach die Filialen weiterhin auf Preisangriffe des Mitbewerbs auf regionaler Ebene reagieren und somit spezielle Wochenangebote nur über ausgewählte Filialen laufen sollten.
Auch die Warenhauskette Karstadt, die zuletzt bei ihrem Sanierungs- und Modernisierungsprozess nach zwölf Jahren endlich wieder einen Unternehmensgewinn einfahren konnte, experimentiert mit digitalen Konzepten. Und das gleich im doppelten Sinne. Zum einen handelt es sich um ein Kooperationsprojekt mit dem Kreativ- und Technikspezialisten Mavis sowie weiteren Partnern, zum Anderen läuft es zunächst nur in der Düsseldorfer Filiale unter dem Namen „Twentyfourseven Karstadt – Der Experience Store“.

Musterladen: Szenario vom POS zum POE: Neues Geschäftsmodell auf der Leitmesse Ambiente 2018 in Frankfurt/Main (Foto: Messe Frankfurt GmbH)

Der Name ist hierbei Programm: Der Händler will rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche den Kunden ein besonderes Einkauferlebnis bieten, das sich Elementen des stationären und digitalen Einkaufs in Kombination mit Omnichannel-Technologien bedient. Dazu zählen ein interaktives Schaufenster, eine intelligente Umkleide mit Produktempfehlungen und Verkäufer-Ruf. Außerdem liefert mit dem Smart Tray ein elektronisierter Warenträger Informationen zum Produkt und Outfitvorschläge. Darüber hinaus kann die Verfügbarkeit und Reservierung von Web­shop-Produkten in der Filiale geprüft und veranlasst sowie bei Bestellungen das Abholen vor Ort oder die Nachhause-Lieferung noch am gleichen Tag ausgewählt werden.
„Wir setzen dabei auf Evolution statt auf Revolution: alle integrierten Touchpoints müssen sinnvoll zu Karstadt passen. Eine reine Aneinanderreihung von Technologien und Tools, die an der Zielgruppe vorbeilaufen, hilft niemandem“, erläutert Thomas Etz, Gründer und CEO der Mavis GmbH. „Karstadt macht den ersten Schritt, um zu zeigen, was schon heute technisch möglich ist, um das Shoppingerlebnis für bestehende und neue Karstadt-Kunden noch spannender und komfortabler zu gestalten.“
Einen ähnlichen Weg geht die Otto Group, nach eigenen Angaben zweitgrößter E-Commerce-Player sowie Online-Marktführer für Möbel in Deutschland. Der Hamburger Konzern mischt mit dem Einrichtungsshop yourhome.de bei digitalen Vorzeigeprojekten mit.
Das Konzept, das Augmented Reality (AR) – also computertechnisch erweiterte Eindrücke – und virtuelle Raumplanung bietet, wurde unter anderem auf einem eigenen Stand bei der weltgrößten Wohn- und Einrichtungsmesse Imm Cologne vorgestellt.

Ordnendes Robotersystem: Praxistaugliche Entwicklung von US-Forschern: Multifunktionales System zum unterschiedlichen Handhaben von Objekten (Foto: MIT)

Technische Basis

Bei dem Konzept kommen drei Softwareprogramme zum Einsatz: Ein 360-Grad-Raum-Tool, der so genannte ,Home Styler’ zur Raumplanung sowie eine AR-App für die virtuelle Stellprobe im Wohnzimmer, die laut Otto Group „die finale Entscheidung zum Möbelkauf erleichtern“ soll. Über die spezielle Software und die integrierten Kameras der Kunden-Smartphones lassen sich die favorisierten Produkte maßstabsgerecht und dreidimensional in der persönlichen Wohnsituation darstellen, platzieren und von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten.
Damit bietet sich dem Kunden ein Mittel, das es in dieser Form bisher kaum im stationären und im Online-Handel gibt. Mit dem Verweis auf mehrere virtuell zur Verfügung stehende Themenzimmer und Einrichtungsstile teilt Otto versteckt auch gegen den Mitbewerb aus. Das Unternehmen erwähnt explizit, dass „im klassischen Möbelhaus ganze Zimmer rekonstruiert werden, um Kunden zu inspirieren“ und auch „online bisweilen immer noch lange Produktlisten voller Einzelartikel“ existieren.

Der virtuelle Rundumblick sei schon jetzt mit Ottos Shopping-Systemen verknüpft und werde in Zukunft noch um viel mehr dieser Panoramen erweitert, heißt es beim deutschen Handelsriesen. Auch beim Home Styler wird angepriesen, dass die 300 Produkte „ohne lästiges Herumrechnen und Ausmessen des Maßstabs erscheinen, sich drehen, verschieben, arrangieren lassen.“
„Otto ist der Marktführer im Online-Möbelhandel – aufgrund unseres Sortiments und unserer überlegenen Logistik- und Beratungsservices, aber eben auch, weil wir es in Deutschland am besten schaffen, die Chancen der digitalen Welt für unser Business zu nutzen“, erklärt der verantwortliche Konzernvorstand Dr. Michael Heller. „Uns geht es nicht nur darum, Produkte online in einen Shop zu stellen, sondern unseren Kundinnen und Kunden mit Technologie und smarten Tools das Einkaufserlebnis komfortabler und einfacher zu machen. Unsere drei neuen Ansätze leisten, jeder auf seine Art, dazu einen wesentlichen Beitrag.“

Schnell skalierbare Preise: Elektronische Preisschilder, hier in einem Rewe-Markt, etablieren sich langsam, aber sicher (Foto: Wikimedia.org/Ralf Gruner)

Die technischen Voraussetzungen hierfür schaffen die Entwickler von mobilen Computerbetriebssystemen und Software. Dazu gehören die Technologielösungen ARCore von Google (für Android-Geräte) und ARKit von Apple (für IOS-Geräte), die die Standardausstattung der neuen Mobiltelefone abrunden. Übrigens nutzt auch Ikea die Apple-Variante für seine ,Place’-App. Außerdem haben Ingenieure der US-Institutionen MIT (Massachusetts Institute of Technology) und der Princeton University vor kurzem ein noch in der Erprobung befindliches Robotersystem vorgestellt, das logistische Prozesse in Lagern und Haushalten unterstützen soll. Es kann Objekte und ihre richtige Handhabung erst klassifizieren und dann das Aufpicken, Sortieren und Öffnen der Gegenstände oder Verpackungen selbst ausführen.

Erlebnis und Kompetenz

Auch der Fachhandel agiert bei digitalen Lösungen. Das zeigt zum Beispiel die mit dem Reta-Award (Retail Technology Award Europe) preisgekrönte Omnichannel-Lösung der Kooperation Duo Schreib & Spiel. Die Mitglieder der Verbundgruppe nutzen bereits elektronische Preisschilder, Selbstbedienungs-Systeme (Self-Checkout-Kassen) oder den Serviceroboter Pepper.
Der Bundesverband Technik des Einzelhandels hält die Digitalisierungsoffensive für Ladengeschäfte für notwendig und sieht beim Einsatz etwa von Saugroboter-Rennstrecken oder Drohnen-Flugzonen den großen Vorteil in direkten Gesprächen zwischen Kunden und Verkäufern sowie in der unmittelbaren Situation. Nach Aussage von BVT-Geschäftsführer Willy Fischel ist das „Anschauen, Anfassen und Erleben online nicht zu ersetzen“ und „können qualifizierte Mitarbeiter vor Ort erfolgsentscheidend sein“.
Nach Erkenntnissen des EHI Retail Instituts und des Handelsverbands Deutschland informiert sich bereits ein großer Teil der Händler über die erwähnten Instore-Lösungen. Laut BVT sind die Marktteilnehmer mit den höchsten Zuwachsraten genau jene „Multichannel-Anbieter, die es schaffen, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren.“
Arnd Westerdorf

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