Kleiner wohnen

Neue Wohn- und Lebenskonzepte

Bei vielen Menschen dürfte die Betrachtung von modernen Küchenträumen eine Mischung von Neid und Frust auslösen. Denn bei der Mehrheit verhindert allein die dafür nötige Raumgröße den spontanen „Haben-Wollen-Reflex“. Diese Tatsache sollten sich Werber und Wohnzeitschriften in Zukunft ernsthaft zu Herzen nehmen, denn das Kleine Wohnen kommt.

Die Heimtextil-Trends 2018 stehen unter dem Motto: „The future is urban“. Thema sind Lösungen für Großstadtmenschen, die immer häufiger als moderne Nomaden und in zunehmend kleineren Wohnungen leben (Foto: Heimtextil 13m2 House by Studio Mama / Moon-Ray-Studio)

Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, und bis 2030 werden voraussichtlich fünf Milliarden Menschen die Städte bevölkern. Damit entpuppen sich in den Metropolen der Welt Mikro-Appartements zum Maß der Immobilienwirtschaft.
Auch hierzulande ist die Stadt der Wohnort Nummer eins, und bis 2030 werden der Prognose nach rund 78,3 Prozent (2015: 74,6 Prozent) der Bevölkerung in Städten leben. Überproportional steigt dabei die Zahl der Single-Haushalte. Gerade in Großstädten erwarten Experten bis zum Jahr 2020 einen Anteil der Single-Haushalte von über 50 Prozent. Das verschärft die Situation: Die für Singles typischen 1- und 2-Zimmer Wohnungen werden immer teurer, die steigende Nachfrage verknappt das Angebot. Urbanisierung, modernes Nomadentum und demografischer Wandel lassen allerorten hochbezahlte kreative Köpfe rauchen.
Zum Beispiel für die Heimtextil-Messe 2018, deren Trendshow unter dem Motto „Die Zukunft ist urban“ steht. Darin zeigt der Lifestyle-Trend „The Flexible Space“ Lösungen für Großstadtmenschen auf, „die immer häufiger in zunehmend kleineren Wohnungen leben“. Logischerweise werden dabei auch die Küchen kleiner, und in manchen modernen Wohnformen verschwinden diese sogar komplett aus den individuellen Wohnbereichen.

Zum Beispiel in sogenannten Co-Living Quartiers, die nach Art von Wohngemeinschaften wenige Quadratmeter Wohnraum plus Gemeinschaftsküche und Bäder-Teilung bieten. In Berlin und Hamburg werden diese Konzepte schon gelebt und zumindest der Generation Y gefällt das. Gleichzeitig bereitet sich die Babyboomer-Generation auf das reisefreudige Leben nach der Berufszeit vor und investiert in gemeinschaftliche Wohnmodelle als Rückzugsort.

Mit leichtem Gepäck

Loftküche ade? Zumindest teilweise wird mini groß rauskommen. Zwar ist die Wohnfläche pro Einwohner in Deutschland von 39 Quadratmetern in 1999 auf 46,2 Quadratmeter in 2015 gestiegen. Doch dieses Wachstum dürfte einer kleinen Klientel vorbehalten sein. Mit dem passenden Song zum Trend eroberte Silbermond bereits die Charts: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck. Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten. Siehst das Ergebnis von kaufen und kaufen …“

Von Amerika schwappen die Tiny Houses nach Europa. „Wohnträume“ für Singles, Jobnomaden und Individualisten auf nur wenigen Quadratmetern – mit volleingerichteter Mini-Küche (Foto: Katharina Jäger, Medienagentur Hallenberger, Tischlerei Christian Bock)

Der Einscheiben-Toaster “3890“ aus der Single-Serie wurde für Einpersonenhaushalte konzipiert (Foto: Cloer)

Es sind vor allem Apartments, Boardinghouses oder WG-Zimmer, die die Einrichtungsbranche auf dem Schirm hat, wenn sie Mini-Küchen und sonstiges Mobiliar kreiert, das flexibel, multifunktional und anpassungsfähig ist. Martina Drobny, Gründerin des Start-up „Platznot & Lieblingsstücke“ geht mit ihrem Geschäftsmodell noch einen Schritt weiter: „Es gibt keine Lösungen auf dem Markt, welche bei wenig Platz mehr Platz schaffen können. Dies hat mich dazu bewogen, in einer Nische Produkte herzustellen, welche zu mehr Platz verhelfen“.
Auch die Outdoor-Branche entdeckt das kleine Wohnen. Sie hat festgestellt, welches Umsatzpotenzial mit der passenden Einrichtung für Balkone, kleine Hinterhöfe oder Vorgärten verbunden ist. So setzten die Aussteller auf der spoga+gafa 2017 in Köln, auf einen leichten, multifunktionalen, modularen, flexiblen City-Style: Wandelbare, stapelbare Möbel oder balkongerechte Grills und sogar kleine Outdoor-Küchen wurden präsentiert. Weber’s High-Tech-Grill „Pulse “ beispielsweise macht den „Balkon in der Stadt zum ultimativen BBQ-Hot-Spot“, schwärmt Simone Weber, Marketing Direktorin Weber-Stephen Deutschland GmbH. Entwickelt wurde die Neuheit mit Blick auf Grillfans im Alter von 30 bis 59 Jahren mit Interesse für Hightech-Themen, Spaß am unkomplizierten Genuss und purem Grillgeschmack. „Sie leben häufig als Singles oder gemeinsam mit ihrer Familie in größeren Städten oder in der näheren Umgebung.“ Jetzt müssen Großstadt-Singles oder -Paare nicht mehr auf eine Einladung von Gartenbesitzern warten, wenn sie die Lust auf ein Grillwürstchen packt.

 

Gute Umsatzperspektiven

Auch für Dr. Michael Peters, Peters‘ Projects, Wertheim, der führende Einrichtungshäuser coacht, ist das kleine Wohnen eine „riesen Chance“. Wer hier einsteigt, steht auf einem Sprungbrett in neue Märkte, ist Peters überzeugt: „Strategisch ergeben sich bei den Nutzern von kleinen Wohneinheiten ganz neue Zielgruppen, die es zu beraten, zu betreuen gilt.“ Tatsächlich stellen diese Haushalte eine Herausforderung dar, denn das kleine Wohnen ist wesentlich anspruchsvoller. Peters empfiehlt dem Handel sogar, für dieses Segment eine eigene Category zu entwickeln, auch um sich gegenüber den Konsumenten und dem Wettbewerb zu positionieren. „Es ist ein total neues Geschäftsfeld mit richtig guten Umsatzperspektiven.“
Zumindest eine eigene Produktlinie hat die WMF Elektrokleingerätesparte mit ihren Küchenminis auf den Markt gebracht. Beim Start hatte man an Single-Haushalte gedacht und wurde wohl selbst vom „fulminanten Erfolg“ nicht nur bei dieser Zielgruppe überrascht. Zur IAA 2017 wurde die vierte Generation dieser Serie vorgestellt. Wobei die sieben Neuheiten als „ready to go“-Produkte gleichzeitig die moderne und mobile Art zu genießen aufgreift. Für die WMF übernehmen die Küchenminis außerdem nachhaltige Verantwortung: Im Sinne von „weniger ist mehr“ sorgen sie nicht nur für Platzersparnis, sondern darüber hinaus für die Reduzierung wertvoller Ressourcen und sparen Energie.  

Bevorzugte Zielgruppe für den neuen „Pulse 1000“ von Weber: „Die wachsende urbane Zielgruppe, die in Städten wohnt, sich mit wenig Platz auf ihrem Balkon bescheiden muss, aber nicht auf Outdoor-BBQ-Vergnügen verzichten will.“ (Foto: www.weber.com)

Kleiner und platzsparender kann ein Kräutergarten kaum sein: Mit diesem Entwurf gewann die Jung-Designerin Jessica Bruni den unique youngstar 2017 der Spoga+Gafa 2017 (Foto: Kölnmesse, spoga+gafa 2017)

Freude am beengten Wohnen

Die BMW AG ist ebenfalls mit Mini-Konzepten gut unterwegs. Auch in diesem Konzern widmet man sich allerdings eher visionär mit dem „Mini-Living“. Auf dem diesjährigen Salone del Mobile in Mailand zeigte Mini in Kooperation mit den New Yorker Architekten von SO-IL die Installation Mini Living – Breathe. Eine „zukunftsweisende Interpretation von ressourcenbewusstem Zusammenleben auf kleinstem Raum in der Stadt“. Die Installation für mehr Freude am beengten Wohnen „zeigt auf, wie Architektur auf die zukünftigen Herausforderungen von immer knapper werdendem Wohnraum und begrenzten Ressourcen im urbanen Umfeld kreativ reagieren kann.“ Das Ergebnis kam mit nur fünf Metern Breite und zehn Metern Höhe aus.
Insgesamt befindet sich die smarte und kleine Wohnzukunft noch überwiegend im Projektstadium. Doch unter Federführung von Panasonic entsteht derzeit das Wohnquartier „Future Living Berlin“. Dessen Konzept will Antworten auf die großen Herausforderungen demografischer Wandel, Energiewende und verändertes Mobilitätsverhalten geben. Die künftigen Bewohner (ab Ende 2018 sollen sie einziehen können) sollen die heutige Gesellschaft spiegeln: junge Manager, mehrköpfige Familien bis hin zu pflegebedürftigen Senioren.
Es ist also zumindest fahrlässig, nicht jetzt schon auf diese Entwicklungen zu achten. Es gilt sogar, sich der neuen Nachfrage zu stellen. Für die Branche gehört auch dazu, dass die Deutschen doch kein Land der Gourmets sind. Das kann man aus dem Ernährungsreport herausfiltern, den das Bundesernährungsministerium 2016 zum zweiten Mal in Auftrag gab. Die Antworten der rund 1.000 vom Forsa-Institut befragten Bürger ergab, dass die Deutschen noch seltener in der Küche stehen als vor einem Jahr: „Die Flut an schick fotografierten Kochbüchern, der Hype ums vegane Leben, die Superfood-Welle, die Foodblogs der Großstadt-Hipster, die Streetfood- und Bauernmärkte“ sind offenbar kein Spiegel der deutschen Realität, so die FAZ. 
Vor allem der Alltagskoch verliert als Opfer des deutschen Jobwunders an Bedeutung, stellte die GfK in einer Untersuchung fest. Im Vergleich zu einer Untersuchung vor vier Jahren ist der Anteil dieser Köche sogar um sechs Prozentpunkte geschrumpft. Dabei heißt es nicht nur für die Erwachsenen: Kantine statt Büro. Auch die Kleinen spüren die Folgen: Sie werden immer öfter im Hort, im Kindergarten und der Schule bekocht. Immer öfter also bleiben selbst die großen Küchen kalt.

Klein ist individuell

Schon heute gibt es messbare Hinweise auf die Auswirkungen. So beobachtet man bei Ballarini, dass beispielsweise bei Aktionen neben den großen Pfannen vor allem die kleine Größe gut abverkauft wird. Single-Haushalte treiben diesen Trend ebenso an wie zum Beispiel Vegetarier, die – auch in Mehrpersonenhaushalten – auf ihrer eigenen „fleischfreien“ Pfanne bestehen. Tatsächlich macht der Mega­trend Individualisierung die Singlegrößen auch für Mehrpersonen-Haushalten interessant.
Eindeutig kleine Produkte brauchen die Bewohnter von Tiny Houses. Diese Bewegung schwappt aus den USA nach Europa herüber und bezeichnet Häuschen, die allgemein über Wohnflächen bis zu 46 Quadratmetern verfügen können, im Allgemeinen aber kleiner sind. Unter anderem hat Tischlermeister Christian Bock, Bad Wildungen-Braunau, den Trend aufgegriffen. Mit seinem ersten gefertigten Tiny House wollte er feststellen, wieviel man wirklich zum Leben braucht. Das Ergebnis ist ein von ihm entwickelter „mobiler Wohn[t]raum“, der seit 2013 als schlüsselfertige Trailerlösung mit individualisierbarer Innenraumgestaltung angeboten und gefertigt wird. Das Konzept kommt an und findet unterschiedlichste Freunde: Die modernen Nomaden zum Beispiel nutzen das kleine Zuhause als Zweitwohnsitz am Arbeitsplatz. Für andere ist das Tiny House ein Ferienhäuschen, eine Gästeunterkunft, ein Rückzugsort, ein Büro oder, oder. Hohe Mieten in den Städten werden von Tiny House-Besitzern ebenso als Motiv angeführt wie der Wunsch runter zu kommen, das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, Stichwort Downsizing. Und so sind die Tiny Houses meist ökologisch und nachhaltig aus Holz gebaut und ihre Tiny Küchen bieten, was man/frau mit leichtem Gepäck braucht. Im Unterschied zum Wohnwagen haftet den kleinen Häuschen übrigens nichts Provisorisches an. Susanne Aarup, Geschäftsführerin von Add a room bringt es mit dem Ziel, ein kleines Zuhause zu schaffen, auf den Punkt.
Eva Barth-Gillhaus

Kleinmöbel, die nicht nur wenig Platz benötigen, sondern auch noch zusätzlichen Platz schaffen: Das ist eine Möbel-Antwort auf den Trend zur Urbanisierung (Foto: Platznot & Lieblingsstücke)

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