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Lichtblicke für Ladengeschäfte

Der lokale Handel schöpft wieder Hoffnung, dass er gegen die wachsende Konkurrenz des Versand- und Internethandels bestehen kann. Das zeigen zahlreiche Aktionen in deutschen Kommunen und neueste Kundenumfragen. Während sich die Argumentation insgesamt verbessert hat, verkennen aber manche Händler und Initiativen immer noch die Zeichen der Zeit.

Netzwerk Atalanda Bietet Tagesbelieferung wie der Konkurrent Amazon (Fotos: Atalanda/Markus Auzinger)

Bequem zu Hause bestellen, beim Händler abholen(Fotos: Atalanda/ Donau 3FM)

Es ist erst zwei Jahre her, da breiteten sich in Deutschland massenhaft schwarze Tücher über Ladengeschäfte aus. Die Teilnehmer wollten in vielen Kommunen, Stadt- und Ortsteilen symbolisch zeigen, wie leer und öde es bei den Menschen um die Ecke aussehen kann, wenn immer mehr Ladengeschäfte aus Mangel an ausreichenden Kunden und Umsätzen dicht machen müss(t)en.
Solche Aktionen zeichneten gleichzeitig ein düsteres Bild von der Zukunft und eine Grabesstimmung im stationären Handel (Trend&Style Winterausgabe 2013, Seiten 40 bis 43). Auch wenn das Handelsinstitut IFH unlängst mit der Studie und dem Zukunftsszenario aufschreckte, dass in den nächsten fünf Jahren mit 45.000 Betrieben fast jedes zehnte Ladengeschäft vom Aus bedroht ist, sieht es seit dem gerade abgelaufenen Jahr 2015 wieder etwa besser aus: Neue, umfassende  Aktionen und Hintergrundinformationen geben den stationären Händlern mehr Anlass zu Hoffnung.
Ende vergangenen Jahres räumte zum Beispiel der Deutsche Handelskongress in Berlin den Ladengeschäften gute Marktchancen ein. Während Otto-Konzernvorstand Alexander Birken das Diktat des Kulturwandels ansprach, prognostizierte Jerry Storch, Unternehmenschef der neuen Kaufhof-Mutter Hudson’s Bay Company, dem stationären Handel die Entwicklung „zum Drehkreuz des Einkaufens der Zukunft“, wenn dieser es richtig anstellen würde. Auch der „Proposition-Index 2015“ der internationalen Unternehmensberatung OC&C Strategy Consultants kommt zum Schluss, dass der stationäre Handel beim Kunden beziehungsweise beim Index immer mehr punkten kann und damit insbesondere gegenüber Amazon aufholt. „Viele führende stationäre Händler haben die Herausforderung aber erkannt, und ihre Bemühungen zur Verbesserungen bei Preis, Service und Einkaufserlebnis tragen erste Früchte“, erklärt Christian Ziegfeld, der für die Studie verantwortliche Partner bei OC&C.

Ein junger Klassiker

Weitere Motivationen und positive Beispiele kommen aus dem Fachhandel selber. Da ist die Initiative „Buy local“ fast schon ein Klassiker. Sie sorgt seit dem Jahr 2012 bundesweit für Aufsehen mit einem erfrischenden und modernen Auftritt sowie einer übersichtlichen Argumentation und guten Identifikation für Kunden unter der Devise „Erlebe Deine Stadt“. „Ich fühle mich gut aufgehoben bei meinen Fachgeschäften und Dienstleistern vor Ort. Hier kennt man mich und weiß, auf was ich Wert lege. Und ganz nebenbei sorge ich dafür, dass das Geld in der Region bleibt und sinnvolle Dinge wie Spielplätze, Schwimmbäder oder Theater damit finanziert werden“, formuliert es die Mittelstandsoffensive kurz und knackig aus Kundensicht.
Inzwischen gehören dem Verein „Buy local“, der seinen Sitz in der Bodensee-Stadt Singen hat, rund 650 Mitglieder an. Mitgründer und Vereinsvorsitzender Michael Riethmüller von der im nahen Ravensburg und Friedrichhafen beheimateten Buchhandlung Ravensbuch betont die großen Vorteile von Ladengeschäften, die neben der besonderen Atmosphäre das Anschauen und Ausprobieren der Produkte vor Ort sowie den unmittelbaren Kontakt zwischen Händler und Kunde bieten: „Das ist etwas anderes als nur ein Bild im Internet. Außerdem erhält der Kunde auf Rückfragen sofort passende Antworten.“
Der Internetauftritt von Buy local dokumentiert die vielen Aktivitäten und Sonderaktionen der Mitgliedsbetriebe, die sich, ihr Angebot und ihren Stellenwert in Kurzporträts vorstellen. Leider klingt in manchen Begleittexten der offensichtliche Zeitmangel durch, wenn etwa bei einem niedersächsischen Haushaltswaren-Markt nur kurz Selbstverständlichkeiten heruntergerasselt werden: „Wir sind ein hoch motiviertes Team von Mitarbeitern. Unsere Zielsetzung ist ‚die Zufriedenheit des Kunden’!“ und „Wir sind ein Facheinzelhandel in den Bereichen Kochen – Grillen – Schenken und Spielen mit entsprechenden Fachabteilungen“, stellt sich der Händler etwas lieblos vor. Dabei hätte derselbe Anbieter mehr und dazu gehaltvollere Informationen von seiner eigenen Website übernehmen können.

Dynamik im Ballungsraum

Eine weitere Initiative trifft auf Wohlgefallen der Verbraucher im nordrhein-westfälischen Ballungsgebiet von Rhein und Ruhr rund um die Städte Krefeld, Mönchengladbach, Duisburg, Hagen und Aachen. Nach der Premiere im Jahr 2014 konnte die Industrie- und Handelskammer IHK Mittlerer Niederrhein aus Krefeld immer mehr Partner für ihre Initiative „Heimat-Shoppen“ gewinnen.
Im Jahr 2015 haben sich auch Institutionen wie etwa weitere IHKs und Sparkassen sowie Unternehmen aus der Nachbarschaft am Niederrhein, im Ruhrgebiet und Südwestfälischen, am Mittelrhein und in der Voreifel an der Aktion beteiligt. Insgesamt haben zuletzt mehr als 120 Kommunen bei „Heimat Shoppen“ mitgemacht. Jährlicher Höhepunkt sind die Aktionstage im September, an denen die Kunden zahlreiche attraktive Angebote und Aktionen in den Innenstädten und Stadtteilzentren ihrer Heimatkommunen nutzen können.
Die Initiative nennt „sechs gute Gründe“ für den lokalen Einkauf: „Heimat shoppen“ stärke die jeweilige Gemeinde und mache sie lebenswert, reduziere die Umweltbelastung, sichere Arbeit und Ausbildung, unterstütze Veranstaltungen, Vereine und Initiativen und bedeute bei Nachbarn und Freunden einzukaufen. Auf der entsprechenden Internetseite werden die Argumente prägnant ausgeführt unter anderem mit dem Förderinstrument der Gewerbesteuer. Neben der guten Argumentation wartet die Initiative mit einem zeitgemäßen und Identifikation schaffenden Hauptlogo sowie weiteren attraktiven wie auffälligen Designs auf.

Tagesbelieferung geht auch

Darüber hinaus bringen sich örtliche Händler nicht nur mit Sonderaktionen ins Gespräch. In einigen Regionen bieten sie Handelsriesen wie Amazon die Stirn mit einem Service, den der US-Konzern in Deutschland auch erst seit Kurzem in einigen Metropolregionen anbietet: Same-Day-Delivery.
Der Service bedeutet die Auslieferung von Artikeln noch am Tag der Bestellung direkt beim Kunden. So bieten derzeit 60 Händler der City-Initiative Karlsruhe ihren Tages-Lieferservice „Kalix“ für 5,99 Euro im Stadtgebiet und für einen Euro pro Kilometer Fahrt ins Umland an. In der badischen Stadt können die Kunden bis zu 20 Einkaufstüten und Päckchen aus bis zu fünf verschiedenen Ladengeschäften noch am selben Abend nach Hause liefern lassen, wobei die Liefergebühr im ersten Geschäft entrichtet wird. „Das Tütenschleppen fällt weg, und die Menschen können in der Stadt ungestört weiter einkaufen“, betont City-Manager Sascha Binoth.  
Ein ähnliches Angebot macht das Netzwerk Atalanda in der bergischen Metropole Wuppertal, in der mittelgroßen Sauerland-Stadt Attendorn, in der niedersächsischen Mittelstadt Wolfenbüttel und in der schwäbischen Kreisstadt Göppingen. Zusätzlich  ist Atalanda in den in- und ausländischen Liefergebieten Hamburg, Frankfurt am Main, Salzburg und Wien tätig. Hier sind neben angestammten lokalen Händlern auch Filialketten wie Douglas, Hugendubel und Globetrotter eingebunden. Dabei kann der Kunde über die angeschlossenen Onlinehops der einzelnen Händler aus einer Vielzahl von vorrätigen Artikeln aussuchen, die je nach Branchenanbieter von einer Handvoll Artikeln (etwa Möbelobjekten) über mehrere hundert (in Bereichen wie Küche, Lederwaren, Accessoires, Heim & Garten) und mehrere tausend (Uhren & Schmuck, Papeterie & Bürobedarf, Mode & Accessoires) bis hin zu zehntausenden Einzelartikeln (Bücher) reichen. „Sie bestellen bei Ihrem Händler bis 17 Uhr und wir liefern Ihnen Ihre Bestellung noch am selben Abend oder zu Ihrer Wunschzeit!“, wirbt Atalanda. Der Kunde kann die Lieferung aber auch selber direkt beim Händler im Rahmen des „Click & Collect“ Prozesses abholen.  

Verschiedene Ziele

Eine andere Strategie haben die organisierten Händler im badischen Mittelzentrum Bruchsal und auch im benachbarten Karlsruhe, im Rhein-Main-Gebiet, im unterfränkischen Oberzentrum Würzburg oder in der donauschwäbischen Region rund um Augsburg und Ulm. Hier heißt es „Lass den Klick in deiner Stadt! Kauf da ein, wo Du auch lebst“. Die Kampagne fordert die Verbraucher und vor allem die Internetnutzer angesichts rückläufiger Geschäftsumsätze dazu auf, wieder „vor der Haustür“ einzukaufen. Damit soll das Internet nur als Informationskanal über das Angebot der angeschlossenen Händler dienen.
Im oberschwäbischen Mittelzentrum Laup­heim möchte die Werbegemeinschaft „Treffpunkt Laupheim“ zusätzlich den lokalen inhabergeführten Geschäften Wege aufzeigen, wie sie das Netz als Werbe- und Verkaufskanal nutzen und die Aufmerksamkeit der Konsumenten auf vorhandene Angebote lenken können. Dies ist eine vernünftige Aktivität, da heute kaum ein Händler um das Online-Geschäft herum kommt. „Wir sind grundsätzlich nicht gegen das Internet, denn auch viele Geschäfte vor Ort betreiben ja auch Online-Shops“, betont denn auch Buy Local Vordenker Michael Riethmüller. Der Vorteil gegenüber reinen Internethändlern sei, dass die Umsätze in der Stadt bleiben würden und dadurch Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie die Lebensqualität gesichert seien, so Riethmüller.

Multichannel ist die Zukunft

Viele Handelsexperten und Themenstudien geben ihm Recht. „Es gibt keine Alternative zu Cross-Channel. Die Kanaldenke war gestern und die Zukunft gehört den Händlern, die ihre Kanäle optimal miteinander verzahnen – sowohl in der Komunikation zum Kunden als auch im Vertrieb“, betont Dr. Eva Stüber, Leiterin Research & Consulting am E-Commerce Center (ECC) in Köln. Ihr Institut kommt in der aktuellen Studie „Cross-Channel im Umbruch – Das Informations- und Kaufverhalten der Konsumenten Vol. 7“ zum Ergebnis, dass „Multi-Channel-Händler von den deutschen Konsumenten durchweg positiver wahrgenommen werden als rein stationäre Händler und Online-Pure-Player“. Demnach halten die Deutschen Händler, die beide Kanäle Laden- und Online-Geschäft bedienen, für innovativer, kundenfreundlicher, spannender und sympathischer. Stationäre Händler gelten zwar im Vergleich zu Online-Pure-Playern als altmodisch, punkten dafür jedoch mit Seriosität und Vertrauen. Pure Player gelten vor allem als innovativ.
An dieser Lebenswirklichkeit und neuen Kundengenerationen kommen lokale Händler einfach nicht mehr vorbei. Gehen sie darauf mit passenden Aktivitäten, Sonderaktionen, Dienstleistungen und Netzwerken ein, stehen die Chancen zu einem erfolgreichen Bestehen ganz gut.
Arnd Westerdorf

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