Politikum Bargeld

Kampf ums Bargeld

Bankenlandschaft und Zahlarten verändern sich radikal. Das bekommen auch stationäre Fachhändler auf verschiedenen Ebenen zu spüren. Finanzexperten und Händlerinitiativen zeigen neue Wege auf.

Bargeldversorgung für Bürger und gewerbliche Nutzer: Versuchsballon und großes Thema in diesem Jahr (Foto: ©Istockphoto.com/MarianVejcik)

Politik des billigen Geldes, Niedrigzinsen, Nullzinsen, Staatsverschuldung, Staatsanleihen, frisches Geld, Negativzinsen, Geldflut, Wachstum, Konsum, sinkende Gewinne, Bankenkrise: Diese Schlagworte bestimmen seit geraumer Zeit die öffentliche Debatte. Sie drehen sich meist um die Europäische Zentralbank (EZB) mit Mario Draghi an der Spitze und um das Thema Bargeld.
Vor wenigen Wochen verteidigte der EZB-Chef seine geldpolitische Strategie beim Besuch des Deutschen Bundestages. Nichtsdestotrotz weht dem obersten Notenbanker Europas in Deutschland viel Gegenwind von Finanzfachleuten und Bürgern entgegen. So hatte vier Wochen zuvor der GfK Verein (Gesellschaft für Konsumforschung) die repräsentative Umfrage „Bargeld 2016“ veröffentlicht. Demnach würden sich von den 2.000 Befragten drei Viertel bei einer – theoretischen – Volksabstimmung gegen das Abschaffen von Bargeld entscheiden. „Vorausgesetzt man könnte tatsächlich überall – also auch in kleinen Geschäften und zwischen Privatpersonen – bargeldlos bezahlen, so würden 44 Prozent entschieden gegen eine Abschaffung stimmen und 20 Prozent vermutlich nicht zustimmen“, heißt es beim GfK Verein in Nürnberg.

Pro und Contra

Als häufigste Argumente für das Bargeld nennen die Marktforscher den besseren Überblick über die eigenen Ausgaben, den Gewöhnungseffekt, die gute Verfügbarkeit und Handhabung sowie die Skepsis gegenüber dem Datenschutz beim bargeldlosen Zahlungsverkehr. Aber auch die Befürworter elektronisch abbuchbarer Geldmittel begründen ihre Präferenz mit der praktischen Verwendung einer Karte und einem vereinfachten Zahlungsverkehr. „Ein Viertel hält die bargeldlose Zahlung für sicherer, da man Geld nicht mehr verlieren oder dessen beraubt werden kann“, resümieren die Studienherausgeber.
Vor allem jüngere Konsumenten setzen laut der GfK-Umfrage auf das bargeldlose Bezahlen. Dazu hat das EHI-Institut die Studie „Kartengestützte Zahlungssysteme im Einzelhandel 2016“ veröffentlicht, wonach der bargeldlose Anteil seit Jahren immer mehr zulegt und sich das Volumen der Kartenzahlung seit Mitte der 1990er Jahre mehr als verachtfacht hat: „Dennoch werden mehr als drei Viertel aller Einkäufe auch heute noch mit Bargeld beglichen, da vor allem Kleinbeträge in Deutschland gern bar beglichen werden. Von den 18 bis 20 Milliarden Transaktionen im deutschen Einzelhandel liegt der größte Teil unter einem Betrag von 15 Euro.“

Klare Positionen

Angesichts des großen Anteils von Kleinbeträgen und des Trends zum unbaren Bezahlen fordern die Kölner Handelsforscher ausdrücklich „mehr Mut zum Mobile Payment“, dass laut EHI derzeit vor allem durch die Technologien QR-Code und NFC (Near-Field-Communication – Nahfeldkommunikation) in Kombination mit einem Mobilfunktelefon begünstigt wird.
Trotz dieses nicht aufzuhaltenden Trends hat Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) zuletzt noch einmal klar gemacht, dass im Einzelhandel Bargeld nach wie vor das wichtigste Zahlungsmittel sei: „Die Diskussionen um Bargeldobergrenzen oder um die Abschaffung von Centmünzen beschädigen den Ruf des Bargelds. Jetzt sind klare Aussagen der Politik gefordert. Bargeld darf nicht unter den Generalverdacht der Geldwäsche gestellt werden.“
Barzahlung sei ein einfaches, unkompliziertes und zudem diskriminierungsfreies Zahlungsmittel und zudem das Wachstum bei Kartenzahlungen mit jährlich ungefähr 1,5 Prozent relativ langsam, resümierte der Handelsrepräsentant auf dem 3. Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank. „Damit ist Bargeld auf absehbare Zeit weiterhin ein wesentlicher Bestandteil im Zahlungsmix des deutschen Einzelhandels“, konzidierte Josef Sankthauser und ergänzte: „Wir sollten Alternativen schaffen, statt Beschränkungen aufzubauen. Die Zahlung muss der effiziente Abschluss eines Einkaufs, die Nutzenmehrung für den Kunden und gleichermaßen für den Händler und die Geldinstitute sein.“
Auch Bundesbank-Präsident Dr. Jens Weidmann sprach auf dem Jahressymposium vom „Vertrauensanker Bargeld“ und ging gleichzeitig auf den personalintensivsten von fünf Geschäftsbereichen der Notenbank ein: „Dabei ist das Bargeld kein von der Bundesbank selbst gewähltes Steckenpferd. Wir reagieren hier vor allem auf die Zahlungsgewohnheiten der Bürger.“ Bei der Bargeldnutzung liege Deutschland weltweit an der Spitze und somit sei eine hohe Präferenz der Bürger erkennbar, die auch durch das schwindende Vertrauen in den Finanzsektor aufgelebt sei, so Jens Weidmann.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann: Vereinnahmter Vertrauensanker Bargeld (Foto: ©Deutsche Bank)

Mario Draghi: Umstrittene EZB-Politik (Foto: ©World Economic Forum)

Bargeldverfechter: Thorsten Schulte setzt sich mit dem Verein Pro Bargeld für dieses Mittel der Freiheit ein (Foto: ©Silberjunge.de)

HDE-Präsident Josef Sankthauser: Klare Aussagen der Politik gefordert (Foto: ©Deutscher Handelskongress)

Händlerinitiativen

Trotz solcher Beteuerungen haben stationäre Händler immer mehr Probleme mit der Bargeldversorgung vor Ort. So waren zum Beispiel die Bargeldeinzahlungen von Gewerbetreibenden im Düsseldorfer Stadtnorden im Sommer ein großes Konfliktthema, da ausgerechnet die Stadtsparkasse Düsseldorf als städtische Tochterfirma – die eigentlich der Allgemeinheit verpflichtet ist und offensiv mit ihrer menschlichen Kundennähe wirbt – ihr Bargeld-Kassengeschäft neu geordnet hat und Gewerbekunden zeitweise nicht mehr in allen Sparkassenfilialen ihr Bargeld abgeben konnten.
Die Reaktion erfolgte nicht nur in Form einiger Wechsel zu anderen Geldinstituten, sondern war auch in einer überraschenden Plakataktion im Stadtteil Angermund zu lesen: „Nicht einfach zu verstehen, dass unser FinanzPartner nicht mehr mit uns an einem Strang zieht!“, war auf mehreren auffälligen Plakaten an vielfrequentierten Stellen in der 6.500-Einwohner-Ortschaft zu lesen. Der Herausgeber, der Handwerk und Handel in Angermund e.V., listete hier als Negativpunkte „die Abschaffung der Bargeldeinzahlung in den Ortsteilen“ und „kein Münzgeldwechsel“ auf.
Die Erste Vorsitzende der Interessensgemeinschaft, die Branchenhändlerin Andrea Lindenlaub-Theyssen, verweist auf die breite Masse verärgerter Mitglieder, die „recht kurzfristig“ darüber informiert worden seien, dass „die täglich notwendigen Geldtransaktionen ab 1. April nicht mehr durchgeführt werden und die Annahme und Ausgabe von Wechselgeld nicht mehr möglich ist“. Auf einen entsprechenden Beschwerdebrief der Ortsinitiative an den Sparkassenvorstand, in dem die weiteren Nachteile für die Gewerbetreibenden wie „weite Wege in die Stadt, veränderte Sicherheitsvorkehrungen, Mangel an Wechselgeld“ moniert und damit auch der selbstformulierte Anspruch der Stadtsparkasse als leistungsfähiger Partner für den regional verwurzelten Mittelstand in Frage gestellt wurde, habe es keine unmittelbare Antwort gegeben, so Andrea Lindenlaub-Theyssen. Erst unter dem Druck der Plakataktion seien Telefonanrufe von lokalen Verantwortlichen der Stadtsparkasse erfolgt und im Nachgang zusätzlich zur vorhandenen Technik das Aufstellen von ständig verfügbaren Ein- und Auszahlungsautomaten versprochen worden.
In diesem Kontext wurde seitens des städtischen Geldinstituts verzögert auf laufende Analysen und Umbaupläne hingewiesen. Nun sollen laut lokaler Publikationen die Gewerbekunden bis zu einem Umsatz von 4.000 Euro einzahlen können. „Der Einsatz hat sich gelohnt. Schließlich unterscheiden sich örtliche Geschäfte und Dienstleister von Onlineangeboten und großen Filialketten in einem wichtigen Punkt und leben existentiell immer mehr davon: von einem persönlichen und umfassenden Service“, betont Andrea Lindenlaub-Theyssen.
In 93 Kilometern Entfernung in der ebenfalls niederrheinischen Stadt Kleve hat die Gewerbegemeinschaft Klever City Netzwerk e.V. (KCN) ganz anders gehandelt. Die KCN-Verantwortlichen haben in der 50.000-Einwohner-Stadt zum 1. Februar 2016 ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt gestartet. In der Schwanen-Stadt können nun Kunden und Händler auf freiwilliger Basis auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen verzichten und somit auf- oder abgerundete Geldbeträge in Fünf-Cent-Schritten nutzen. Über 100 Betriebe machen schon mit. „Die Idee kam, weil die Banken seit dem vergangenen Jahr für die Bereitstellung oder die Abnahme von Kleingeld Gebühren erheben“, berichten KCN-Vertreter. Zudem wirkt sich die Nähe zu den Niederlanden aus, in denen schon seit längerer Zeit Einkaufsbeträge geglättet werden.

Außerdem liegen die Klever Händler mit ihrer Initiative im Trend. Laut einer repräsentativen Studie von Mymarktforschung, einem Online-Angebot der Dr. Grieger & Cie. Marktforschung in Hamburg, würden gerne 57 Prozent der Deutschen auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen verzichten und 28 Prozent der Befragten sogar ganz auf Bargeld verzichten wollen. „Mehr als sechs von zehn Ablehnern der Kleingeldanschaffung befürchten, dass der Handel infolgedessen die Preise erhöhen wird“, heißt es beim Studienherausgeber. Dagegen sprechen aber die Erkenntnisse des Sozial- und Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. David Loschelder von der Universität Lüneburg, der sich intensiv mit Verkaufsmethoden und der Kundenresonanz beschäftigt und die guten Erfahrungen des deutschen Handels mit krummen Geldbeträgen bestätigt: „Die Präzision der Zahl suggeriert dem Anderen, dass man sich Gedanken gemacht hat um den Preis.“
Arnd Westerdorf

Händlerprotest: „Lindenlaubs’ Buchhandlung“ in Düsseldorf-Angermund: Zentrale eines erfolgreichen Protests lokaler Kaufleute

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