Das neue Statussymbol

Männer in der Küche

Die Küche wird immer mehr zum Territorium der Männer – und zum Statussymbol. Spezielle Einbauküchen und Produkte künden davon und lassen dem „starken Geschlecht“ noch seine kleinen Freiräume.

Moustache-Korkenzieher des Designers Jonathan Adler bei Desiary.de: Spiel mit einem männlichen Attribut (Foto: Desiary.de/ Press Loft Ltd)

Wer heute das Wort „gender“ in den Mund nimmt, kann sich einer heißen Diskussion sicher sein. Der englische Begriff für das „Geschlecht“ wird zumeist im Kontext der Geschlechterrolle benutzt und grenzt sich somit auch von der Definition des biologischen Geschlechts von Mann und Frau ab.
In der mutmaßlich über 2,8 Millionen Jahre alten Geschichte der Menschheit, die zunächst von körperlichen, genetischen, hormonellen, kognitiven und emotionellen Unterschieden der Geschlechter geprägt war, lösen sich allmählich die damit verbundenen soziokulturellen Stereotypen auf. Lange Zeit haben auch Forscher jene Rollenbilder gepflegt, wonach die Frau sich am Feuer um den urzeitlichen Haushalt sowie die Kinder kümmerte und der Mann auf Jagd ging. Die daraus abgeleiteten Stereotypen von einem eher aktiven und einem passiven Geschlecht sowie einem „starken“ und einem „schwachen“ Geschlecht mündeten im 20. Jahrhundert unter anderem in den Kintopp-Figuren „Tarzan“ und „Jane“.
Ihre unterhaltsame und erfolgreiche Abenteuergeschichte zog die Zuschauer erst in den Bann und wurde dann gerade durch das dargestellte, einem Gorilla-Männchen ähnliche Gehabe des sich auf die Brust schlagenden Tarzans belächelt.

Enttarnte Rollenbilder

Im vergangenen Jahr entkräftete die gut besuchte Ausstellung „Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ des Archäologie-Museums Colombischlössle in Freiburg die der Steinzeit nachgesagten Geschlechterklischees als unbewiesene Rollenbilder. Demnach dienten diese als Projektionsflächen, die sich aus der Entwicklung des Bürgertums vor dreihundert Jahren postulierten. Museumsdirektorin Dr. Helena Pastor Borgoñón, die für die Ausstellung Thesen und Erkenntnisse der jungen Wissenschaftsdisziplin der archäologischen Geschlechterforschung und insbesondere von der Schweizer Expertin Prof. Brigitte Röder heranzog, erklärt die Rollenbilder mit einer damals nützlichen „Begründungsstruktur“: „Die bürgerliche Gesellschaft hat ganz zentrale soziale Institutionen neu definiert, nämlich das Geschlechtermodell und das damit verknüpfte Familienmodell.“ Die Rollenzuteilung des Mannes als Ernährer und Oberhaupt der Familie sowie der Frau als Mutter, Ehefrau und Hausfrau, mit dem auch neue Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden gewesen wären, sei als vorgeblich schon immer vorhandener Zustand legitimiert worden, so Dr. Helena Pastor Borgoñón.
Dennoch sprechen heutige Zeitgenossen bei Themen wie dem Grillen gerne alte Rollenmuster an. Bei den Erklärungsversuchen für den in Deutschland wieder sehr populären Trend wird aber teilweise genau differenziert. „Es scheint, als fielen Männer und Frauen vor der Feuerstelle im Garten reflexartig zurück in die Steinzeit. Daran ändert auch eine gleichberechtigte Partnerschaft nichts. Überall gibt es eine Frauenquote, nur am Grill darf der Mann Macho sein“, kommentiert etwa Teresa Nauber, Wissenschaftsautorin der Tageszeitung „Die Welt“.

Schnurrbart-Tasse bei Coolstuff.de: echter Mehrwert für Männer (Foto: CoolStuff AB)

Hauptsache Fleisch: WMF Profi Plus beef! Special Edition: Design und Aufsatz sprechen Männer an (Foto: WMF Group GmbH)

Die Journalistin zerpflückt das aktuelle Grillphänomen jedoch mit den Thesen von Soziologen wie Sacha Szabo und Sylvia Koch, wonach das Grillen nicht nur eine Sehnsucht nach dem Ursprünglichen und Unmittelbaren, ein kulinarischer Regress in die vorzivilisatorische Zeit und ein Gegenentwurf zur immer mehr technisierten, sauberen und organisierten Kochstelle sei, sondern auch ein Rollenspiel, eine bewusst gepflegte Abkehr von Gleichberechtigungstendenzen und eine Kompensation des durch die Frauenbewegung brüchigen Männerbildes. Anders als in der Lebenswirklichkeit stehe die Rolle des Mannes am Grill nicht zur Disposition und dürfe sich der Mann in diesem Spiel als potenter Ernährer in Szene setzen, heißt es in dem Zeitungsartikel.

Selbst ist der Mann

Allen Meinungen ist aber eines gemeinsam: die herausgehobene Immanenz und soziale Bedeutung der früheren Feuer- und heutigen Herdstelle. Und hier hebt der moderne Mann zunehmend das Zepter bei der Auswahl der Küchenmöbel, Technik und Accessoires. Fragte der Ehemann noch vor geraumer Zeit seine zumeist kochende und backende Gattin „Was brauchst Du für die neue Küche?“, tobt sich hier nun eine neue Männergeneration selber aus und ist umso wählerischer bei der Küchenausstattung. Dabei kommt eine weitere soziale Komponente ins Spiel: Die Küche als Statussymbol.
„Die Küche ist das neue Statussymbol der Deutschen und hat das Auto ein Stück weit abgelöst. Insbesondere in Städten können wir dies beobachten“, betonte Kirk Mangels Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche (AMK) kürzlich bei der Branchenpräsentation der Jahreszahlen 2015. „Noch vor Jahren hatte man den Trend zum Homing als Nebeneffekt der Wirtschaftskrise gedeutet. Heute wissen wir es besser.“
Mit dem Trend zur Küche als „Mittelpunkt des Lebens“, so Kirk Mangels, geht die offene Wohnküche beziehungsweise die wandlose Kombination aus Kochen-Essen-Wohnen einher. Da Küche, Ess- und Wohnzimmer miteinander verschmelzen und der einstige Arbeitsraum heutzutage nicht nur bequem und funktional, sondern auch ästhetisch sein soll, muss die Küche auch wertiger sein. Dementsprechend sind eine große Bandbreite an Dekoren und Echtholzfurnieren, edel wirkende Lackfronten und Glasoberflächen, grifflose Schränke mit Softtouch-Mechanik, Schiebetüren und Softeinzug für Schubladen, LED-Lichtbänder, Induktionsherde insbesondere mit frei nutzbaren Kochfeldern, selbstreinigende Öfen, extrem leise Geschirrspüler und energieeffiziente Kühlschränke der Kategorie A+++ besonders gefragt. Vor diesem Hintergrund sprechen Branchenexperten wie Markus Sander, Geschäftsführer von Häcker Küchen, sogar von einer „Evolution in der Küche“.

Neues Objekt der Begierde

Die starke Nachfrage hängt mit einer allgemein hohen Konsumfreude und Ausgabebereitschaft in Deutschland zusammen, die wiederum aus den derzeit guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Niedrigzinspolitik resultiert. Sie brachte der deutschen Küchenindustrie im Inland ein Umsatzplus von 4,9 Prozent auf 6,44 Milliarden Euro im Vergleich der vergangenen zwei Geschäftsjahre. Zugleich verzeichnete auch der GPK-Bundesverband für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur ein Umsatzwachstum von 4,6 Prozent auf 6,143 Mrd. Euro. Wachstumstreiber seien Elektro-Kleingeräte mit einem Plus von 11,2 Prozent: „Küchenmaschinen als Designobjekte zieren die offene Küche“, heißt es beim GPK-Verband.
Auch der aktuelle Verbraucherindex der Bank CreditPlus, der zuletzt in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde und dessen neuen Umfrageergebnisse im Herbst bekannt gegeben werden, kommt zum Gedankenschluss, dass 60 Prozent der Deutschen unter anderem hohe Ausgaben für Möbel und teure Elektrogeräte planen. Danach stehen an erster Stelle vor allem neue Möbel und der Kauf von Elektrogeräten, die 500 Euro oder mehr kosten.
Zwar gehört die Anschaffung eines neuen Autos noch zu den obersten Prioritäten, jedoch behaupten viele Marktforscher, dass die nachwachsenden Konsumentengenerationen weniger oder erst in einem späteren Alter buchstäblich auf Autos abfahren. Stattdessen sei das Smartphone das neue Statussymbol, heißt es oftmals. Dabei verweisen die Autohersteller auf die veränderte Lebenssituation junger Erwachsener, die es meist aus Ausbildungs- und Studiengründen zusehends in die Städte zieht, die aber aufgrund hoher Mieten und eingeengter Verhältnisse für den Autoverkehr ganz pragmatisch auf Alternativen wie den öffentlichen Nahverkehr oder Carsharing setzen.
In jedem Fall arbeitet die höhere Smartphone-Affinität junger Leute den Anbietern im Küchenbereich zu, da hier immer mehr Geräte mit vernetzter Technik und App-Funktionen zum Einsatz kommen. Männer sind beim Thema Technik und Smart Home besessener und offener, aber auch in punkto Datensicherheit sorgloser als Frauen, wie weitere Studien offenbaren. Dazu kommt der subjektive Eindruck aus dem persönlichen Umfeld, dass das weibliche Geschlecht bei ultramodernen Küchenelektrogeräten vor allem die bequeme Funktionalität zu schätzen weiß, während das männliche Geschlecht sich gerne an technischen Spielereien ausprobiert und über den hohen Anschaffungspreis definiert. Dann wird zum Beispiel eine hochpreisige multifunktionale Küchenmaschine wie der „Thermomix“ von Vorwerk zum Statussymbol, wobei mancher Käufer übersieht, dass er damit den Direktvertrieb und ein ganzes Heer von provisionierten Verkaufsvasallen mitfinanziert.

Euro Stainless Messer von Zwilling: Hohe Rockwell-Zahl führt zu Ferrari-Vergleich (Foto: Zwilling J.A. Henckels AG)

Alles im Griff: Chroma type 301 von Kochmesser.de: Besonders ergonomisch für Männerhände (Foto: Kochmesser.de Import GmbH & Co KG)

Jagdtrophäe - Stag Whisky Decanter von MiaFleur: Beliebtes Jagdmotiv

Passende Produkte

Nicht nur die Technik, sondern auch spezielle Produkte geben männlichen Käufern das Gefühl, auf seine Bedürfnisse einzugehen und noch richtig Mann sein zu dürfen. So gehen die Macher der Messe Frankfurt bei ihrer kommenden Tendence-Veranstaltung ausdrücklich auf den „Männerspielplatz Küche“ ein und verweist die Untersuchung „Future Living – moderne Lebenswelten für das 21. Jahrhundert“ des Zukunftsinstituts auf die geänderte Rollenverteilung, in deren Zuge vermehrt Frauen berufstätig und Männer in der Küche mitwirken, so dass – im Sinne des Auftraggebers Siemens – „Männer als Zielgruppe für Hausgeräte wichtiger werden“.
Dementsprechend übertragen die Marketingexperten der Branche das Bild vom Mann, der sich am liebsten mit sportlichen und kraftprotzenden Fahrzeugen wie einem Porsche beweisen will, auf ihre Produkte und Produktlösungen. So entstanden Modellinien wie beispielsweise die Einbauküche P’7340, welche die vielseitige Produktdesign-Tochter von Porsche für den Küchenhersteller Poggenpohl entwickelt hat und deren „funktionale Formensprache sich speziell an männliche Kunden wendet“. Auch der Messerhersteller Zwilling J.A. Henckels hat die Zeichen der Zeit erkannt und wirbt unter dem Motto „Messer sind die neuen Autos“ für neue, männeraffine Statussymbole: „Statt mit PS zu wetteifern, zählt unter Messerfreunden die Höhe der Rockwell-Zahl, die die Härte des Stahls angibt“, wird mit Nadine Essing die Managerin des Düsseldorfer Flagship-Stores von Zwilling zitiert. „Je höher die Rockwell-Zahl, desto härter der Stahl und desto länger bleibt das Messer scharf.“ Die Mitarbeiterin des Solinger Herstellers empfiehlt das Euro Stainless Messer, das mit seinen hundertlagigen Damast- und Pulverstahlkomponenten einen Wert von 63 Rockwell bilde und damit „der Ferrari unter den Messern“ sei. Mitbewerber Kochmesser.de Import bietet mit Produkten wie dem Chroma type 301 ebenfalls ein Messer an, das nicht nur durch sein Hammerschlag-Design die Herzen von Männern höher schlagen lassen soll: „Diese Kochmessermodelle sind die perfekten Messer für kraftvolle Männerhände, die ja schon mal größer ausfallen. Der ergonomische Griff liegt selbst bei stundenlanger Nutzung so super in der Hand wie das Auto auf der Straße“, wird hierzu der Trierer Zwei-Sterne-Koch Wolfgang Becker zitiert. Aber auch bei Kochtöpfen und Pfannen kommt es auf die richtige Ergonomie an, so dass die Unternehmenszentrale von Zwilling beim Kochgeschirr Sensation extra darauf hinweist, dass es „bei Männern aufgrund des Materials und der Größe sehr beliebt“ sei.

Männliche Eigenschaften

Männlich und martialisch wie ein japanischer Samurai-Kämpfer muten Messersets an, die in Online-Portalen wie Amazon oder Geschenkeidee.de zu finden sind. Die als „superscharf“ beworbenen Messer haben einen schwarzen Griff, stecken mit ihrer Stahlklinge in einer roten Schutzhülle und können in einem mitgelieferten Hochständer übereinander abgelegt werden. Das einzelne Gemüse-, Allzweck-, Brot- und Kochmesser ist wie ein Samurai-Schwert im leicht geschwungenen Katana-Stil geformt.
Auch andere Küchenwerkzeuge sollen die Nutzer mit Y-Chromosom gezielt ansprechen: WMF hat kürzlich seine Küchenmaschine WMF Profi Plus in Kooperation mit dem Männer-Kochmagazin „beef!“ in einer speziellen Edition auf den Markt gebracht. Das edel wirkende Gerät in mattem Schwarz bietet einen Fleischwolf-Aufsatz, mit dem Fleisch zu Würsten oder Burger-Frikadellen weiter verarbeitet wird. Das Elektrogerät wird vom Hersteller wahlweise als „die Küchenmaschine für den Mann“ oder für „Männer mit Geschmack“ offeriert.

Einbauküche P’ 7340 von Poggenpohl: Designt von Porsches Designschmiede (Foto: Poggenpohl Möbelwerke GmbH)

Pfiffige Geschenkidee von Bierbaum: Wurfspaß in vergnüglicher Runde (Foto: BierBaum Factory UG)

Darüber hinaus werden im Küchenbereich Accessoires angeboten, bei denen die Designeigenschaften von vermeintlich männlichen Merkmalen geprägt sind. Beliebt sind vor allem Produkte mit Hirschmotiv wie etwa Käsemesser, Servierplatten, Eisbehälter, Dekanter, Weinflaschen- oder Kerzenhalter sowie auch Ausstechformen. Eine weitere Nische sind Produkte mit einem wirklich männlichen Element, einem abgebildeten Bart im gepflegt gezwirbelten „Moustache“-Stil. Während der Anbieter Desiary.de einen vergoldeten Korkenzieher des Dekor-Spezialisten Jonathan Adler anbietet, führt der deutsche Internetanbieter Coolstuff.de einen Schnurrbart-Becher im Portfolio. Der Trinkbecher aus Porzellan hat neben dem Moustache-Motiv auch einen wirklichen Extranutzen für Männer mit Bart: Er ist an der Innenseite mit einer Ausgussöffnung zum Schutz des Bartes versehen.
Als typisch männlich dürfte auch der BierBaum gelten, eine simple wie erfolgreiche Geschenkidee zweier Studenten. Ihr Produkt besteht aus einem Holzsockel mit grüner Filzoberfläche, in dem das Stück eines abgeschnittenen Baum-Ästchens steckt, auf dem wiederum eine Magnetkugel prangt: „Große Gaudi: Von Bier zu Bier dem Kronkorken-Baum beim Wachsen zuschauen“, heißt es bei den beiden Erfindern. Dabei werden Kronkorken geöffneter Bierflaschen so auf das Kunstbäumchen gezielt, dass sie von dessen Magneten so angezogen werden, dass sich eine Krone aus Blechteilchen bildet. Die pfiffige Produktidee wird sowohl im Webshop von Bierbaum.de und in Internetshops als auch europaweit in bisher wenigen Ladengeschäften angeboten. Aber das macht sicherlich auch Frauen in gemütlicher Runde Spaß. Die können sich alternativ beim Weingenuss auch mit dem männlichen Attribut eines Kunstbartes vergnügen, wie es die Verpackung eines weiteren Flaschenöffners im Moustache-Stil suggeriert.
Arnd Westerdorf

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