ZWEI MAGAZINE - EINE WELT

Cottagecore

Landhaus, extrem!

Idyllisch, nostalgisch und handgemacht so präsentiert sich der „Cottagecore“ Trend, der durch die Pandemie neuen Aufwind erlebt. Die romantisch, entspannte Landidylle kommt in einer ästhetischen Einrichtung zum Ausdruck: Decken, warme Farben, geblümte Vasen, Trockenblumen und eine ausgewogene Harmonie prägen diesen Stil.

Cottagecore beherrscht als Lifestyle schon eine Weile die sozialen Medien. Dabei stehen die Harmonie mit der Natur sowie das einfache Wohnen im Vordergrund. Selbstgemachte Objekte werden aufgewertet, gehäkelte Decken, Handarbeit ist en vogue, handgetöpferte Keramik bereichert den Lebensraum, Terracottatöpfe sind beliebt und Romantik steht im Zentrum. Im Gegensatz zum clean eingerichteten Loft, das auf Minimalismus setzt, dürfen beim Cottagecore ruhig mehrere Gegenstände die Einrichtung beleben, darunter gemütliche, weiche und kuschelige Decken aus natürlichen Materialien, handgeformte Vasen mit Trockenblumen, bequeme Sessel, gerne auch ein Schaukelstuhl oder große Sofas. Die Fußböden sind mit Läufern oder Teppichen bedeckt, man geht meist barfuß und auch an den Wänden hängen sowohl Bilder als auch Fotos oder rustikale Vogeluhren. Dieser Trend hängt eng mit dem Thema Nachhaltigkeit und Achtsamkeit zusammen. Die Natur wird erforscht, Beeren und Pilze gesammelt, selbst verarbeitet und gekocht. Marmelade machen, einkochen, alles verwerten, was die Natur bietet, gehört ebenfalls zu diesem romantisch, entspannten Trend, der sich nicht nur im Lebenstil und der Einrichtung, sondern auch in der Mode ausdrückt (weite Puffärmel, bequeme Kleider, Blumenmuster).
Das Wort „Cottagecore“, auch „Farmcore“ oder „Countrycore“ genannt, setzt sich zusammen aus dem englischen Wort „Cottage“ (Landhaus) und dem Wort „Core“. Core bedeutet Kern, Herzstück, hardcore mitten im harten Kern, zum harten Kern gehörend. Cottagecore-Anhänger gehören zum harten Landhaus-Kern, sind extreme Anhänger des Landhausstils. Sie wollen, so authentisch wie möglich, das Leben in einem Landhaus, mitten in der Natur nachahmen. Ausgedehnte Spaziergänge in Wäldern oder über Felder gehören ebenso dazu, wie das Picknick mitten auf der Wiese. Gerade in Zeiten der Pandemie, da nichts verlässlich scheint, bietet der Rückzug in ein scheinbar idyllisches Landleben, einen Halt und eine gewisse Sicherheit. Gesucht wird die harmonische Verbindung mit der Natur, wenn schon der Mensch als Gefahr und Viren-Überträger gilt, so soll die Natur, die Umwelt erforscht und die Landschaft erkundet werden. So wird das Zuhause auch während der Lockdowns zu einem romantisch entspannten Landidyll.

Das Naturmaterial „Stylit“ by Lehner Wolle ist vielseitig einsetzbar, zur Topfummantelung, Bündelung trendiger Trockenblumen und mehr

Perfekt fürs Land: die Tasche mit fliegenden Enten von Sophie Allport / Wanduhr: At Home In The Country / Aufbewahrungs- und Dekoobjekte in unterschiedlichen Tierformen aus Rattan von Rivièra Maison machen sich gut im Landhaus / Windlicht Amelie von Engels Kerzen / Anleitungen für Trockenblumen-Sträuße bietet das neue Buch im Haupt Verlag

Rustikaler Genuss mit Sitzkissen von Södahl

Rustikale Ästhetik

Ein selbstgebackener Brotteig geht im Ofen, man lauscht der Countrymusik, spielt Gitarre oder Ukulele am echten oder elektrischen Kamin und fühlt sich wie damals der berühmte amerikanische Naturphilosoph und Zivilisationskritiker Henry David Thoreau, der Mitte des 19. Jahrhunderts über zwei Jahre lang im Wald lebte, ein Holzhaus zimmerte, Pflanzen und Tiere beobachtete und sich selbst versorgte. In seinem Buch „Walden“ beschreibt er diese Erfahrung, es wurde vergangenes Jahr im Manesse Verlag neu aufgelegt und hat vor allem auch bei jungen Menschen großen Zuspruch und Begeisterung hervorgerufen.
Cottagecore ist inzwischen eine eigene Ästhetik, die sich eben auch in der Einrichtung und in der Mode widerspiegelt. Liebevoll handgemacht lautet das Motto für Deko und Möbel: Selbst gezimmerte Holzkästen als Wandregale, bemalte Bauernmöbel oder aufgefrischte Flohmarkt-Schätze passen ebenso dazu wie geblümtes Porzellan. Man versucht sich der digitalen Welt, dem Alltagschaos zu entziehen, um sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Die Handarbeit erfährt eine große Wertschätzung.
Die internationale Fachmesse für Handarbeit & Hobby h+h cologne beobachtet ebenfalls, dass Handarbeit wieder hoch im Kurs steht. Viele junge Menschen versuchen, so eine Pressemeldung der h+h cologne, einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen und die Umwelt zu schonen: „Dabei hilft das Selbermachen und Handarbeiten auf unterschiedliche Weise, sodass es an Attraktivität gewinnt. Da werden Seifensäckchen für feste Seifenstücke gehäkelt, um diese statt Duschgel in Plastikflaschen unter der Dusche nutzen zu können. Waschbare Kosmetikpads werden selbst gehäkelt und genäht, um Wegwerf-Wattepads zu ersetzen.“

Eindrucksvolle, handgefertigte Keramik von Silver Sentimenti

Farbenfrohe Keramik in organischen Formen von Serax

Handgemachtes en vogue

Der ländliche (Life-)Style gewinnt immer mehr Akzeptanz. Er passt in eine Zeit, in der hierzulande so viele Fahrräder wie noch nie verkauft werden und Hefe für Brot oder Kuchen in vielen Läden zeitweise ausverkauft war.
Cottagecore findet dementsprechend nicht nur international, sondern auch zunehmend hier in Deutschland immer mehr Anklang und zwar nicht nur auf Instagram, Facebook oder TikTok.
Saftige Landschaften, selbst gemalt auf der Staffelei oder fotografiert oder als Poster gehören ebenfalls zu diesem Hype.
Bei der Einrichtung haben vor allem Naturmaterialien wie Holz, Bast, Rattan und Baumwolle die Nase vorn. Handgemachte, gestrickte Winterdecken liegen auf dem Sofa, während die Wohnung mit Naturmaterialien verziert wird. Zu den neu entdeckten Hobbies gehören gärtnern, töpfern, stricken und einkochen. Pflanzen, warme Farben und Textilien mit Blümchenmuster sorgen dabei für Gemütlichkeit und Stil.

Gemütliche Teestunden mit „Delfter Blau“ von Friesland Porzellan / Natürliches Holztablett, Teelichter aus Ton von Räder / Das Motiv „Secret Garden“ ist von Feiler in feiner Chenille gewebt / Die bunten Teelichthalter Glossy von Fink Living setzen Akzentet

Blechschild aus der Serie „Kräutergarten“ Grätz Verlag / Die Kollektion Pilastro von Stelton macht sowohl draußen als auch drinnen eine gute Figur / Tischfackel „Tarcia“ von Philippi sorgt für stimmungsvolles Ambiente / Klassiker in neuer Auflage im Manesse Verlag / Porzellan Figuren auf Holzsockel mit liebevollen Sprüchen von Goebel

Betörende Vielfalt an Teppichen, Decken und Vorhängen von Gudrun Sjödén

Kleine Oasen

Mit Lichterketten, Teelichtern, Sitzkissen und kleinen Tischchen lässt sich in den eigenen vier Wänden ganz einfach ein kleines Cottagecore-Feeling kreiieren. Besonders gefragt sind auch kleine Oasen auf dem Balkon, der Terrasse, im Garten oder eben beim Zelten unter freiem Himmel. Wohnmobile und Tinyhouses erleben einen Boom, die Wartezeiten betragen beim Kauf eines Wohnmobils bis zu einem Jahr. Die Sehnsucht, es sich in der Natur schön einzurichten, ist groß, man möchte dem Ursprünglichen ein Stück näher kommen.
Die mit der Pandemie einhergehende Selbstisolierung hat der Cottagecore-Bewegung, also der Rückbesinnung auf traditionelle Handwerksformen, zusätzlich Aufschwung beschert. Je volatiler sich die wirtschaftliche und politische Lage zeigt, desto stärker ist der Wunsch nach Beständigkeit, nach Rückzug in die Natur, nach häuslicher Romantik, Ruhe und Stabilität. Die Nachfrage nach passenden Produkten steigt, matte Töne, erdige Farben, neutrale Textilien, viel Holz und Textur zeichnen die entsprechenden Objekte aus und machen diesen Trend zudem zeitlos schön, leicht und nachhaltig.

Zurück zur Übersicht "Themen & Trends"