ZWEI MAGAZINE - EINE WELT

„Japandi“

Wabi-Sabi trifft auf Hygge

Fast 9.000 Kilometer Luftlinie trennen Skandinavien von Japan. Trotz der räumlichen Distanz harmonieren die Design-Stile dieser Nationen wunderbar und sorgen neuerdings für den Hype des „Japandi“, einer Fusion aus hellen nordischen Produkten mit den ebenfalls schlichten Formen und dunklen Hölzern der fernöstlichen Insel.

Der Lounge Sessel „Kram“ (dänisch für Umarmung) von Laengsel paart helle Birke mit dunklen Lehnen

Von allen skandinavischen Ländern pflegt Dänemark die intensiveste Beziehung mit Japan, was Design betrifft. Das fernöstliche Land hatte sich jahrhundertelang abgeschottet und wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts von Europäern bereist. Ein dänischer Marineoffizier soll in seinem Heimatland einen regelrechten Japan-Boom ausgelöst haben. Gefaltete Lampenschirme kamen groß in Mode, nach dem Vorbild der Reispapierlampen aus Japan und umgekehrt waren auf der Inselgruppe vor allem nordische Designprodukte sehr beliebt. Die aparte Kombination aus skandinavisch schlicht und fernöstlichem Design fusioniert zu „Japandi“.

Die Natur zum Vorbild

Die Finnen lieben ihre Sauna, die Japaner pflegen ihr rituelles Bad. Ob schwedischer Hering oder Sushi, die skandinavischen Bewohner teilen auch ihre Leidenschaft für rohen Fisch mit den Japanern. Aber vor allem schätzen diese Nationen die ruhige, beseelte Natur, seien es die endlosen Wälder in Skandinavien oder die japanischen Gärten.
Beide Kulturen bevorzugen die Einfachheit der Dinge. Bei näherer Betrachtung unterscheiden sich beide Einrichtungsstile gar nicht so sehr voneinander, wie man vielleicht auf den ersten Moment annehmen könnte. Beide definieren sich durch Funktionalität und durch einzelne Statements, beide sind eher leise, zurückhaltend und durchdacht.
Und so verbindet sich im Trend „Japandi“ der Look des Nordens mit der Ästhetik Japans auf harmonische Weise.
Ganz wesentlich für beide Nationen ist seit jeher der Respekt gegenüber Handwerkern, guter, hochwertiger Handwerkskunst und die Verwendung natürlicher Materialien, vor allem Holz. Während sich die Farbskala Skandinaviens überwiegend hell, neutral, natürlich präsentiert mit viel unbehandeltem Holz (wie Fichte oder Eiche), trifft das nun bei „Japandi“ auf dunkle Töne, dunkle Hölzer (wie Nussbaum oder Akazie), die in Japan verwendet werden. Kräftige Farbhighlights setzt Japan auch mit Aubergine, Königsblau oder Tannengrün, die für besondere solitäre und individuelle Hingucker sorgen. Der nordische Einrichtungsstil, gepaart mit den fernöstlichen Einflüssen, wirkt somit wärmer und teils auch eleganter. Der coole Kern Skandinaviens begegnet der filigranen, sehr wohl durchdachten Reduktion Japans.

Die Schalen der Serie Como von Leonardo sind besonders

Pflanzentöpfe der Marke Serax (Antwerpen) geben dem Raum Charakter / Miniature House von Yukihiro Akama über The shop floor project / Die neue Kollektion der dänischen Marke Hübsch vereint Inspirationen aus aller Welt

Reflektiert und Minimiert

Lange prägte Skandinavien den Wohnstil mit ruhigen Farben, schlichten Formen, hochwertiger Verarbeitung und echten Designklassikern. Nun wird der skandinavische Minimalismus ergänzt durch eine mit Bedacht eingesetzte Dekoration. Es wird gefiltert und bewusst platziert, kein gedankenloses Konsumieren, sondern reflektierte Entscheidung.
Beide setzen auf natürliche Materialien wie beispielsweise Holz und bei Textilien auf Baumwolle, Leinen, Jute oder Wolle. Die japanische Färbetechnik „Shibori“ setzt auf klare, geometrische Muster, die durch falten, knoten, wickeln und pressen der Stoffstücke entstehen. Die unterschiedlichen Texturen von Bambus, Steingut, Papier, Leinen, Rattan und Wolle geben den Räumen ebenfalls eine Struktur und machen sie dadurch gemütlich. Handgemachtes Geschirr aus Keramik oder Steingut werden in der Küche bevorzugt.
In Japan finden sich vor allem bodennahe, niedrige Möbel, die auch kleinen Räumen eine gewisse Weite geben. Berühmt sind die japanischen Betten, die Futons (was wörtlich so viel wie Tuch-Gruppe bedeutet), deren faltbare Matten tagsüber häufig zusammengelegt und im Schrank verstaut werden.

Zeitlos und Filigran

Marie Kondo, japanische Ordnungsberaterin, hat mit ihrer Methode nicht nur eine Netflixserie erhalten, sondern auch ein neues Verb initiiert: to kondo bedeutet nun auch auf Englisch aufräumen. Ihre Methode ist simpel, aber effizient: Alles auf einmal, in kurzer Zeit auf einen Haufen sammeln, dann entscheiden, was behalten wird aufgrund der Frage: Macht mich diese Gegenstand glücklich? Jedem Produkt, das man behält einen Platz zuweisen und alles richtig verstauen.
Neben der Ordnung, der Schlichtheit und der Einfachheit stehen auch Langlebigkeit im Fokus bei „Japandi“. Alle Möbel, die hier eingesetzt werden, sollen zeitlos und filigran sein. Umkomplizierte Stücke wie Bodenkissen, Lowboards oder Couchtische gehören dazu. Die Funktion rückt in den Vordergrund, wuchtige Sofas mit dicken Polstern findet man in diesem Trend nicht. Leere Bereiche im Raum sind absichtlich inszeniert, nicht jeder Millimeter muss ausgefüllt werden, Raum lassen zum Atmen. Wenige, extravagante Stücke mit einer Aussage dienen dann als Blickfang. Es handelt sich dabei um Produkte mit Persönlichkeit, bei denen Zurückhaltung geboten ist, denn die oberste Maxime lautet: gut ausgewählte Details, anstelle von Massenware!

Wasserkessel Zen samt Poterie-Produkten von Le Creuset für japanisches Teehaus-Flair / Go Asia mit Rivièra Maison (Amsterdam) / Ursprung und Wertschätzung geben bei den Produkten von Klatt Objects den Ton an

Wabi-Sabi trifft auf Hygge

Die dänische Marke Nordal bietet zweimal im Jahr eine neue Kollektion, die ihre Wurzeln in der nordischen Natur hat, aber in der auch die Liebe an den Formen und Farben des fernen Ostens zum Ausdruck kommt. So entsteht ästhetisches Design, das im Alltag gut genutzt werden kann. Die neue Frühlingskollektion 2021 bringt die Sehnsucht nach Licht und Farbe zum Ausdruck, setzt auf feminine Formen, auf exklusiven und dennoch unprätensiösen Ausdruck. Auch das niederländische Unternehmen Rivièra Maison sorgt für helle, funktionale und dennoch sehr individuelle Einrichtungsgegenstände, die überwiegend aus recycelten Hölzern gefertigt werden und somit Unikate sind. Jedes Geschirr oder Accessoire für die Küche ist liebevoll mit einem feinen Schriftzug versehen und bezeichnet seine Funktion, so lässt sich wunderbar leicht Ordnung halten. Jenseits von Kirschblüten-Mustern, Paravents oder Ikebana-Gestecken hat das japanische Möbelunternehmen Maruni eine schnörkellose, geradlinige Formsprache, in puristischen Farben: extrem stylisch!
Mit dem Shichirin, einem japanischen Tischgrill, von Yakiniku werden die Zutaten vorbereitet und während des Grillvorgangs können alle Personen gemütlich miteinander am Tisch sitzen und werden eingebunden. Le Creuset bringt die passenden Schalen für eine japanische Tee-Zeremonie, welche dem Gast die Möglichkeit zur inneren Einkehr bieten soll und einem strengen Protokoll folgt. Geprägt von Zen, Buddhismus und Shintoismus ist auch die japanische Philosophie „Wabi-Sabi“, welche gut zum dänischen Hygge passt. Das Wort „Wabi“ bedeutet allein, traurig und „Sabi“ steht für vergehen und alt. Wabi-Sabi beschreibt ein ästhetisches Konzept, welches das Unperfekte und Unvollständige hervorhebt. Der Betrachter von Produkten mit Wabi-Sabi Effekt, soll das Unvollkommene zu schätzen lernen. Dagegen feiert Hygge, die Gemütlichkeit der eigenen vier Wände, das Leben angenehm zu gestalten und die Glücksmomente des Alltages zu genießen.

Leuchte „Metis“ von Nordal aus Rattan erinnert an Origami / Poet Desk aus Eiche von Nordic Tales / Die dänische Firma Muubs arbeitet gerne mit Kontrasten in Form, Material und Oberfläche

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