Digital Detox

Befreiung vom digitalen Wahn

Digitale Hilfs- und Kommunikationsmittel werden von den Menschen zwar gerne und ausgiebig genutzt, führen aber zu einer Reizüberflutung und zum Burnout. Das ruft die Gegenbewegung „Digital Detox“ mit einer bestimmten Kur auf den Plan und sorgt für mitunter eigentümliche Trends.

Akt der Befreiung: Raus in die echte Erlebniswelt statt bloße Wahrnehmung über Bildschirme (Foto: www.campgrounded.org/Digital Detox LLC)

Nachdem die Zeitenwende des Milleniums ein Jahrzehnt voller Veränderungen in politischer, wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht abgeschlossen hat und sich im Jahr 2001 eine ruhelose Gesellschaft mit Konzepten wie „Simplify Your Life“ neu zu sortieren suchte, scheint die Welt 15 Jahre später wieder an einem ähnlichen Punkt angelangt zu sein.
Inzwischen haben der Computer und die Digitalisierung die Arbeits- und Lebenswelt der Menschen generationsübergreifend im Griff. Zahlreiche Geräte wie Smartphones, Tablets, Notebooks, Digitalkameras, PC-Spielekonsolen und Navigationsgeräte sowie elek­tronische Kontakte über E-Mail, SMS und Mitteilungsdienste, virtuelle Konferenzen und Arbeitsplattformen und über soziale Netzwerke prägen den Alltag. Nun trifft der „Information Overload“ und die damit verbundene Reizüberflutung, die der Gründer des Zukunftsinstitutes Matthias Horx seinerzeit im Bezug zur Studie „Der Simplify-Trend“ vorausgesagt hat, die Nutzer vollauf. Die „Triebkräfte eines tiefen, substanziellen Trends“ ortete Matthias Horx damals unter anderem in der „Sehnsucht nach mehr Lebensqualität“ und in der „Überkomplexität unserer technologischen Umwelt“.
Wenn der Zukunftsforscher dann noch vom „Wandel zu den post-materiellen Werten“ spricht, bei der es auch um „die Perspektiven unserer Lebenswelt“ und damit um nichts anderes als „um die Zukunft des Menschlichen per se“ gehen würde, fühlen sich heutige Zeitgenossen an einen neuen Trend erinnert. Von Übersee schwappt derzeit die „Digital Detox“ Bewegung nach Deutschland hinüber.

Ungewöhnlicher Appell

Die digitale Entgiftung, wie die deutsche Übersetzung des englischen Schlagwortes lautet, hat begrifflich schon Eingang in das renommierte Wörterbuch „Oxford Dictionary“ gefunden. Dieses definiert Digital Detox als „Zeitraum, in dem eine Person auf die Nutzung elektronischer Geräte für Information und Kommunikation wie Smartphones und Computer verzichtet.“ Dieser werde als „Chance gesehen, Stress zu reduzieren oder sich auf die soziale Interaktion in der physikalischen Welt zu konzentrieren“, heißt es beim Oxford Dictionary, dessen Eintrag sogar mit einem ungewöhnlichen Urteil, weil subjektiven Appell schließt: „Befreit Euch von Euren Geräten und geht auf eine digitale Entgiftung“.
Den Entzug von digitalen Süchten beziehungsweise dem digitalen Wahn besorgen seit wenigen Jahren spezielle Erholungscamps, deren Ursprung vielsagend im Herzen der weltweiten Digitalwirtschaft – im Silicon Valley in der kalifornischen Metropolregion rund um die Städte San Francisco und San José – liegt.

Beim mehrtägigen Aufenthalt in einem Digital Detox Camp werden zunächst die digitalen Geräte der Teilnehmer eingesammelt, versiegelt und für die Dauer der „Kur“ in einem „Dekontaminationsraum“ aufbewahrt. Fortan sind konsequenterweise auch andere Konsummittel wie Alkohol oder Drogen sowie Gespräche über die Arbeit tabu. Die Freizeitangebote reichen von Yoga, Nacktbaden und psychologischen Gruppensitzungen über Tanzen, Backen, Bogenschießen bis hin zu Spielen mit Verkleidung und Schminken.
Wen dennoch die Sehnsucht nach Kommunikationsmitteln packt, der oder die kann auf analoge Hilfen wie Briefpapier, Papierbahnen, Pinnwände oder auch Schreibmaschinen zurückgreifen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert eine Teilnehmerin, eine Designerin des Social Media Portals Facebook, die von einer „kraftvollen Erfahrung“ sowie von einer ungewohnten Situation berichtet: „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt vier Tage lang nicht nach Nachrichten geschaut habe.“

Das Angebot, hinter dem auch ein Geschäftsmodell und geschütztes Konzept stecken, wird nun auch in Deutschland in Form von Feriencamps, Kundenseminaren, Workshops und Vorträgen angeboten. So tritt die Kommunikationsagentur Ulrike Stöckle aus dem südpfälzischen Kandel exklusiv als Markenanbieter „The Digital Detox Deutschland“ auf. Die Agentur bietet zum Beispiel verschiedene Camp-Formen für ein Wochenende, für mehrere Tage oder für Führungskräfte und Arbeitnehmer an, die in einem Kloster, einem Privat­hotel oder an Naturschauplätzen im Ausland wie etwa in der französischen Provence stattfinden. „Für das richtige Camp-Feeling sorgen Programmpunkte wie Lagerfeuer, gemeinsames Kochen von veganen, ayurvedischen und provenzalischen Gerichten, Yoga, Meditation und kulinarische Wanderungen“, heißt es bei The Digital Detox Deutschland.

Geniestreich statt Anti-Werbung

Selbst die Deutsche Telekom als Anbieter von digitalen Inhalten, Geräten und Services wirbt mit Tipps und Stellungnahmen zum Thema Digital Detox. Das halbstaatliche Unternehmen unterstützt ausdrücklich den Trend unter dem Motto „Einfach auch mal abschalten!“ und „ermutigt zu bewussten Auszeiten bei der digitalen Kommunikation“. „Weil es in besonderen Momenten einfach wichtiger sein kann, sich voll und ganz seinen Mitmenschen zuzuwenden. Denn die digitale Kommunikation behält langfristig nur dann für alle ihren Wert, wenn Kommunikationsservices verantwortungsbewusst genutzt werden“, heißt es bei der Deutschen Telekom in Berlin.
Der Konzern hat schon Werbespots und begleitende Texte zu den Werbefiguren seiner „Familie Heins“ veröffentlicht, die vor allem zu Festtagen buchstäblich zum Abschalten im Kreise der Familien und Freunde aufrufen. So war zuletzt etwa die Schlagzeile „Oh Du fröhliche Auszeit!“ und der entsprechende Text mit „zehn Tipps für entspannte Weihnachten“ garniert. Die Ratschläge forderten unter anderem zu „Malen, Basteln, Kneten“, zu Gesellschaftsspielen mit Karten oder Brettspielen, zum „die Lebensqualität steigernden Kochen“ oder heimeligen Kuscheln in den eigenen vier Wänden auf.

US-Vorbild: Analoge Kommunikation statt elektronischer Geräte (Foto: www.campgrounded.org/Digital Detox LLC)

Diese vermeintliche Anti-Werbung ist nach Ansicht von Experten wie dem Marketing-Fachjournalisten Marco Saal von der renommierten Branchenplattform „Horizont“ in Wirklichkeit ein „Geniestreich“. „Zum einen kann die Telekom damit für sich beanspruchen, dass sie die allgegenwärtigen Sorgen vor Überarbeitung und Burnout ernst nimmt, die Gefahren kennt und sich – pfeif auf den Umsatz – ihrer gesellschaftlichen Verantwortung auch bewusst ist. Eine Botschaft, die nicht nur nach außen, sondern auch in den Konzern hinein wirken dürfte“, betont Marco Saal und ergänzt: „Zum anderen strahlt der TV-Spot eine ungeheure Souveränität aus, die der Marke Telekom im allgegenwärtigen Wettkampf mit Vodafone, O2 und Co. sicher helfen dürfte.“

Steilvorlage für den Handel

Zugleich sind die Kampagne und das Sonderthema auch eine Steilvorlage für die branchenübergreifenden Zielgruppen der Trend & Style Leserschaft. Gerade die Fachhändler und Verbundgruppen aus den Bereichen Lebensstil, Heimdeko, Küche, Heimwerken, Spielzeug und Wellness können ihre Produktangebote, Werbekampagnen, POS-Materialien, Aktionen, Präsentationen und Kurse um Digital Detox-Argumente herausheben und verfeinern. Zudem könnten die Teilnehmer von Grillakademien, Kochkursen oder Spielerunden beziehungsweise Zuschauer von Erlebnis-Präsentationen und Kochvorführungen nicht nur höflich zum zeitweisen Ausschalten ihrer mobilen Computer, sondern zum konsequenten Weglassen oder Wegsperren elektronischer Geräte motiviert werden.
Für den Hausgebrauch empfehlen manche Medien aber auch Do-It-Yourself-Methoden wie den überlegten oder limitierten Zugang zu mobilen Geräten. Diese hat gegenüber folgerichtigen Digital Detox Maßnahmen einen Haken: Spezialsoftware wie zum Beispiel die vom gleichnamigen Berliner Start-Up entwickelte App „Offtime“ oder die Deutsche Telekom Internetinitiative „Teachtoday“ sind löbliche Ansätze, dokumentieren aber das heute scheinbar unvermeidliche Benutzen von Internet und Computergeräten.

Malbücher, Stifte und DIY

Ein anderes aktuelles Beispiel zeigt hingegen, dass es auch anders geht: Malbücher für Erwachsene. Den neuen, ursprünglich aus Frankreich angestoßenen Produkttrend prägt die gelernte Textildesignerin Johanna Basford, die mit ihren Ausmalbüchern auf große Resonanz stößt und Bestsellerlisten auf der ganzen Welt stürmt. Ihre Bücher zum Kolorieren enthalten filigrane Zeichnungen von Gärten, Wäldern, Unterwasserwelten und Tieren.

Zuletzt kam von der Schottin zweimal der Titel „Mein phantastischer Ozean“ auf dem deutschen Markt, der als Postkartenbuch und als broschiertes Malbuch beim Fischer Taschenbuchverlag erschienen ist. Am 25. August kommt voraussichtlich der Paperback-Band „Mein geheimnisvoller Dschungel“ heraus, ebenfalls im Taschenbuch-Bereich der Verlagsgruppe S. Fischer. Aber auch die Malbücher anderer Künstler und Grafiker wie etwa die Tierwelten von Marjorie Sarnat aus der Reihe „Malen und Entspannen“ oder die „Anti-Stress-Malbücher“ mit Motiven bekannter Künstler – beide von Ullmann Medien – sind beliebt. Während andere Verlage wie ArsEdition oder Naumann&Goebel auf avantgardistisch anmutende Ausmalbücher mit den Neon-Effekten von Textmarkern und Gelstiften setzen, sind auch wieder klassische Ausmal-Schaubilder wie die aus Asien stammenden Mandalas im Kommen. 

Wie verschiedene Tagesmedien unabhängig voneinander berichten, ist der zentraleuropäische Absatz von Malbüchern alleine zwischen den Weihnachten der Jahre 2013 und 2014 um 300 Prozent gestiegen. Die deutschen Stiftehersteller fahren aufgrund der hohen Nachfrage Sonderschichten. Auch ein völlig anderes Marktsegment, das der DIY-Sortimente (Do-it-Yourself), dürfte mit einem neuen historischen Höchststand von 229 Milliarden Euro Umsatzvolumen auf deutscher Endverbraucherebene (Quelle: IfH Institut für Handelsforschung) auch für das Bestreben nach einem sinnvollen wie entspannenden Freizeitausgleich und Schaffensdrang stehen.

Detox-Kampagne: Familie Heins beim fröhlichen Kartenspiel (Foto: Deutsche Telekom AG)

Der Münchner Psychologe, Coach und Stressexperte Louis Lewitan erklärt den Ausmaltrend bei Erwachsenen mit der Erinnerung an schöne Kindheitstage, mit dem dadurch abgestellten Perfektionismus und einer haptischen Form der Ablenkung: Das Hantieren mit Stift, Farbe und Papier sei „heutzutage, wo vieles virtuell abläuft, ein bewusster Akt.“ Dagegen empfiehlt der thüringische Soziologe Hartmut Rosa einen „resonanten Alltag“ statt „einzelner resonanter Oasen“ und meint damit einen bewussten Lebensgenuss: „Es geht darum, von einer Sache oder einer Person bewegt oder berührt zu sein, von ihr angesprochen zu werden. Ich nenne das eine Resonanzbeziehung – ganz wie in der Musik: Etwas schwingt und bringt dadurch etwas Anderes zum Schwingen.“
In diesem Kontext spricht Professor Hartmut Rosa von einem erfüllten Leben und warnt davor, dass sich immer mehr Menschen „einer stummen, gleichgültigen Welt“ ausgeliefert sehen würden. Der Forscher an den Universitäten Jena und Erfurt befürchtet, dass die moderne Gesellschaft mit dem zunehmenden Wahrnehmen der Welt über Bildschirme immer mehr auf einen kollektiven Burnout hinsteuert.
Arnd Westerdorf

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