Neue Nostalgie

Die wilden 70er sind zurück

Die 70er-Jahre lassen grüßen! Moderne Sachen spielen mit dem Flair dieser wilden und bunten Epoche. Die Wiederbelebung mancher Details hat verschiedene Gründe.

Bizarres Livingwall-Tapetenmotiv des polnischen Interior-Designer Przemyslaw Mac Stopa (Foto: A.S. Creation)

Retro, Vintage und Shabby Chic sind gerade im Einrichtungsbereich beliebte Schlagwörter der heutigen Zeit. Sie meinen wörtlich einen „rückwärts“ gewandten oder „aus einer bestimmten Zeit“ stammenden Stil, der vor allem typische Elemente vergangener Jahrzehnte meint sowie Gegenstände, die ihren Reiz aus ihren Gebrauchsspuren beziehen.
Dabei sind wieder Sachen aus den 1970er-Jahren gefragt. Auch wenn diese Zeit nunmehr schon 40 Jahre zurückliegt, schleichen sich Gegenstände und Stilelemente aus dieser Periode in unseren modernen Alltag. Dabei finden ausrangierte Originalobjekte ihren Weg zum Konsumenten oder knüpfen neue Produkte an den Flair der vergangenen Epoche an.
Den Grund für diesen Rückgriff auf alte Zeiten versuchen sich die Macher der Inneneinrichtungs-Onlineplattform Homify.de zunächst mit der „Sehnsucht nach der guten alten Zeit“ zu erklären, in der unter heutigen Maßstäben das Leben einfacher, die Welt geordneter und die Technik simpler wirkt: „Vielmehr scheint sich in dem Trend eine Sehnsucht nach Individualität und Authentizität auszudrücken.“ Als weitere Erklärungen für den Retro-Trend werden die nachhaltige handwerkliche Qualität und Originalität der Fabrikate, die persönliche Erinnerung an die „wilden Zeiten“, die besondere Beziehung zu Erbstücken und eben auch der coole Kultcharakter herangezogen.

Intuitiv dürfte es aber auch eine Rolle spielen, dass die 70er-Jahre im Gegensatz zur heutigen Zeit für eine aktive und revolutionäre Phase stehen, in denen ein größerer Teil der Bevölkerung noch auf die Straße ging, für Rechte und Ideale wie „Love, Peace and Freedom“ kämpfte und gegen den Konservatismus sowie vermeintlich überholte und spießbürgerliche Attitüden jener Zeit aufbegehrte.
Dieser heute als „Wilden Siebziger“ verklärten, von den sogenannten „Linken“ bestimmten Zeit steht der heutige Pragmatismus entgegen, der nunmehr von der politisch gegenläufigen Bewegung der „Rechten“ aufgebrochen wird. Damit kommt ein weiteres Motiv ins Spiel: Zeichen zu setzen.
Damals ging das über Farben, Formen, Muster und auch bevorzugte Materialien. So dominierten Orange, Gelb, Apfelgrün, Braun, ein Schuss Rot oder auch senffarbene Bezüge und Wohntextilien die Wohnfarben sowie grafische, psychedelische und auch florale Muster die Bekleidungsmode, Tapeten und Dekorationen jener Zeit. Beide Strömungen kamen unter anderem in der berühmten „Pril-Blume“ zusammen; bei dem vom Spülmittelhersteller Henkel inzwischen wiederbelebten Werbeaufklebern ordnen sich halbkreisförmige Elemente in verschiedenen knalligen Farben im Pop-Art-Stil.
„Im Wohnzimmer zogen die ersten Farbfernseher und Stereoanlagen ein, gechillt wurde auf Lounge- und Drehsesseln – zum gleichförmigen Wabern der Lavalampe“, beschreibt der Artikel „Puppenstuben der 70er“ Jahre“ im Sammlermagazin Trödler die damalige Grundstimmung. Typisch für die Wohnungseinrichtung waren ferner Regalwürfel, Polstergarnituren und Sitzlandschaften, Plastikstühle (im Outdoorbereich etwa mit Wäscheleinen-artig umspanntem Gestänge), Schlaufenleuchten, Tischlampen, spacig wirkende Decken- und Stehleuchten.

Filmmotiv aus dem Jahr 1977: StarWars Metallposterin modernem Ambiente (Foto: Radbag.de)

Legendärer VW-Bus im Spielzeugformat mit integriertem USB-Stick für den modernen Schreibtisch (Foto: Arnd Westerdorf)

Zudem kam Ende des Jahrzehnts sowohl das Billy-Regal als auch die beliebig überstreichbare Raufasertapeten auf, was im synchronen Do-it-Yourself-Trend stand. Zugleich galten schlichte und funktionale Schrankwände und Bettumrandungen vor allem dann als schick, wenn sie weiß laminiert waren. Die meist raumhohen Schrankwände, die durch die klaren Konturen, schmalen Spanplatten und die Helligkeit der Farben eine moderne Leichtigkeit ausstrahlten, stehen bis heute noch in vielen Schlaf-, Arbeits- und Gästezimmern.
In der Küche setzte sich der neue Stil fort: Während in einem schmalen Extra-raum mit einfacher, funktionaler Einbauküche meist orangefarbene Küchengeräte mit hohem Hartplastikanteil zum Einsatz kamen, stand das dickwändige und teilweise auffällig gewölbte Geschirr in nicht minder auffälligen Farben auf dem Esszimmer-Tisch. Dessen Ablageflächen waren oft aus Holz oder Glas und mitunter auch aus Kacheln, die mit ihren eingebrannten Farbverläufen die Batik-Mode ihrer Zeit widergaben. Die Tische wiederum versanken in plüschigen Flokati-Teppichen.
Nach den allzu kalt und technisch wirkenden Trends der vergangenen Jahrzehnte in den verschiedensten Lebens- und Wirkbereichen scheinen sich die Menschen wieder auf mehr Natur, Natürlichkeit, Gemütlichkeit, Buntheit und Selbstgemachtes zurückzubesinnen.

Auch die Entschleunigung von einem immer durchdigitalisierteren Leben ist zunehmend gefragt, wobei manche Entspannungsangebote der aufkommenden Digital Detox Camps mitunter an die Flower Power Zeit erinnern (siehe Bericht in Trend & Style 03/2016 oder der Trendwelten.eu Rubrik Themen&Trends). Diese Wiederkehr mündet in einer neuen Kultur und in der geschickten Kombination traditioneller und moderner Elemente.
So feiert die analoge Langspielplatte ihr Comeback. Während die deutsche Musikindustrie den Absatzsprung von 2,1 auf 3,1 Millionen Schallplatten und den Umsatzsprung von 50 auf 70 Millionen Euro binnen Jahresfrist 2016 verzeichnet, spielen Einrichtungsanbieter mit der Langrille als Dekoration. Bei der Hamburger Gestalterin Birgit Bassen werden zum Beispiel ausgediente Originale per Backofen zu stylischen Schalen oder Aschenbechern umfunktioniert und dienen bei der ebenfalls in der Hansestadt heimischen Upcycling-Manufaktur Lockengelöt als originelle Hauptbestandteile von Bilderrahmen, Lichtobjekten, Wanduhren oder Küchen- und Klorollen-Haltern. In Ladengeschäften oder Onlinehops finden sich Vinylscheiben als Sujet auf nützlichen Accessoires aus anderen Materialien.

Neuer Ford Mustang knüpft an den zeittypischen Kultwagen an (Foto: Ford Europe)

Der Geschenkeshop Radbag.de bietet den Vinyl Schallplatten Look etwa als Abbildung auf einem Platzset oder als prägendes Stilelement von Glas- oder Topfuntersetzern an. Der Anbieter bewirbt diese Produkte unter dem Motto „Das waren noch Zeiten“, spricht von „echten Hinguckern mit unübertrefflichem Retro-Charme“ und erinnert „die Älteren unter uns“ an die „Schlüsselerlebnisse mit den kleinen runden Vinyl-Dingern“.
Des Weiteren schleichen sich seit geraumer Zeit 70er-Stilelemente in den modernen Einrichtungsstil ein wie etwa Küchen-accessoires in verschiedenen auffälligen Farben, Regale mit würfelartiger Unterteilung, wabenförmige Lounge-Möbel teilweise mit Metalldrehkreuz, Drehsessel, Bäder-Mosaiken oder Balkon- und Terrassenmöbel im Flecht-Look (diesmal aus Kunststoff anstatt aus Rattan). Der Tapetenhersteller A.S. Création knüpft mit den nach eigenen Angaben „extravaganten, grafischen Dekoren“ der knallbunten „Livingwall“-Kollektion ebenso an frühere Zeiten an und führt sie mit den 3D-Abbildungen in eine neue Zeit.
Arnd Westerdorf

 

Comeback der LP -hier als Wanduhr (Foto: Monsterzeug.de/Press Loft)

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